Icarus (2017)

Icarus (2017)

  1. 121 Minuten

Filmkritik: Nineteen Eighty-Sport

Netflix
"Uuuuuuuund... Ex!"
"Uuuuuuuund... Ex!" © Studio / Produzent

Der Filmemacher Bryan Fogel ist seit Jahren ein leidenschaftlicher "Gümmeler". Als bekannt wurde, dass sein Vorbild Lance Armstrong systematisch gedopt hatte, musste er schon mal leer schlucken. Wie war es möglich, dass Armstrong während seiner gesamten Karriere nie positiv getestet wurde? Und könnte er selbst es auch schaffen, sich selbst ein wenig leistungsfähiger zu spritzen und dabei davonzukommen? So fasst er sich einen Plan: Für das härteste Amateurrennen der Welt, die sogenannte Haute Route, will er sich selbst dopen und alle Ergebnisse mit seiner Kamera dokumentieren.

"'Mach Sport! Ist gesund!' Haben sie gesagt..."
"'Mach Sport! Ist gesund!' Haben sie gesagt..." © Studio / Produzent

Unterstützung erhält er dabei von einem Meister des Fachs: Grigory Rodchenkov, seines Zeichens Leiter der russischen Anti-Doping-Agentur und Spezialist für Dopingfragen aller Art. Bereitwillig gibt ihm dieser alle notwendigen Tipps, was er sich wann spritzen muss und welche Vorkehrungen er treffen muss, dass er nicht erwischt wird. Schnell freundet sich Bryan Fogel mit dem jovialen Russen an. Doch als im Vorfeld der olympischen Spiele 2016 in Rio Untersuchungen gegen die russische Delegation wegen Staatsdoping eingeleitet werden, beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen.

Bryan Fogels Doping-Doku beginnt als schwarze Komödie und endet als Politthriller. Mit dem russischen Whistleblower Grigory Rodchenkov hat der Regisseur sozusagen einen Sechser im Lotto. Allerdings nähert er sich seinem Protagonisten stellenweise etwas gar unkritisch und zieht seinen Film am Ende arg in die Länge. Dennoch ist Icarus Pflichtstoff für alle, die sich nur entfernt für Spitzensport interessieren. Die olympischen Spiele wird man nachher mit anderen Augen schauen.

Es beginnt alles ganz lustig. Ganz im Stil von Super Size Me, wo sich Morgan Spurlock mit McDonald's-Fressalien vollstopfte und dies mit seiner Kamera dokumentierte, macht Regisseur und Velofan Bryan Fogel hier den Doping-Selbsttest. Eine simple, aber effektive Idee, dem nicht mehr ganz frischen Thema - der Armstrong-Skandal wurde schliesslich schon in The Armstrong Lie dokumentarisch und in The Program fiktiv erschöpfend aufgearbeitet - etwas Neues abzugewinnen. Erwartet werden darf ein launiger Crowdpleaser, bei dem man schon am Anfang ahnt, wie es am Ende rauskommt.

Hier kommt allerdings alles ganz anders. Nur in der ersten halben Stunde geht der Film den erwarteten Weg: Er zeigt, wie erschreckend easy es ist, an die entsprechenden Substanzen ranzukommen und die Anti-Doping-Tests auszutricksen. Gerade der russische Protagonist Grigory Rodchenkov entlockt den Zuschauern mit seiner nonchalanten Art öfter als einmal ein ungläubiges Lachen. Dass dieser ein ziemliches Schlitzohr ist, wird schnell mal klar. Man fragt sich, weshalb er freimütig einwilligt, in dem Film mitzuwirken.

Doch dann wenden sich die Ereignisse. Aus dem Spassvogel wird plötzlich ein Whistleblower, und aus Super Size Me wird Citizenfour - den Vergleich mit Snowden bringt Rodchenkov gleich selbst. Plötzlich geht's um brisante Ermittlungen bis in die höchsten politischen Kreise, bei denen es sich längst nicht nur um Sport dreht. Der russische Anti-Doper, der natürlich selbst reichlich Dreck am Stecken hat, mutiert plötzlich zum allseits gejagten Kronzeugen der Justiz, der ernsthaft um sein Leben fürchten muss. Und mittendrin statt nur dabei: der amerikanische Regisseur, der eigentlich nur ein Filmchen über seine Doping-Selbstversuche drehen wollte. So zumindest wird es präsentiert.

Das ist alles ziemlich spannend und beängstigend. Wie ein Krimi begleitet der Film den Russen bei seiner Flucht aus dem Heimatland, bei der Vernehmung durch seinen Anwalt und bei seinen Enthüllungen über die hochprofessionell organisierten Doping- und Vertuschungsaktionen der russischen Sportler - die er notabene selbst orchestriert hat. Und genau dies kann auch etwas sauer aufstossen: Die Art, wie sich Rodchenkov hier als Held präsentiert, hat etwas unangenehm Ambivalentes, weiss man um seine dubiose Vergangenheit. Und dass er einfach nur ein Opfer des Systems ist, mag man ihm auch nicht ganz abnehmen.

Kommt hinzu, dass sich der nicht sehr klar strukturierte Film gegen Ende arg in die Länge zieht. Fogel verliert sich stellenweise dabei, seinem Freund und Protagonisten Rodchenkov an den Lippen zu hängen, wie dieser über Orwells «Nineteen Eighty-Four» philosophiert. Spätestens hier offenbart der Film seine dramaturgischen Schwächen. Dennoch: Mit Icarus gibt Regisseur Bryan Fogel zweiffellos einen gleichermassen spannenden wie auch beängstigenden Einblick in die Abgründe des Sports. Das ist wohl mehr, als er am Anfang selbst erwartet hätte.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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