I, Tonya (2017)

I, Tonya (2017)

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  2. 120 Minuten

Filmkritik: Karriere knicken

42nd Toronto International Film Festival
Die Suche nach Cinderella geht weiter.
Die Suche nach Cinderella geht weiter. © Ascot Elite

Schon von klein auf gab es für Tonya Harding (Margot Robbie) nur das Eiskunstlaufen. Auch dank der eisernen Hand ihrer Mutter LaVona (Allison Janney) verbrachte sie Stunden auf dem Eisfeld, wo sie sich das Können für Wettkämpfe aneignete. Doch aufgrund ihrer ärmeren Herkunft, ihrer Musikwahl und ihres aggressiven Verhaltens ist sie den Jurymitgliedern ein Dorn im Auge und kriegt so immer tiefere Bewertungsnoten als ihre Konkurrentinnen. Aber es kommt der Zeitpunkt, an dem man ihre Leistungen nicht mehr ignorieren kann. Vor allem als sie sich als erste Amerikanerin überhaupt an einem dreifachen Axel versucht und diesen dann auch noch steht.

Doch Tonyas Erfolge gehen immer mit viel Ärger zuhause einher. Ihrer überaus strengen Mutter ist sie zwar entflohen, doch behandelt ihr Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) sie nicht wirklich besser. Als Tonya eines Tages vor einem Wettkampf Drohbriefe erhält und deren Herkunft bei Konkurrentin Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) vermutet wird, werden Entscheidungen gefällt, die zu einem der grössten Skandale der Neunziger führen.

Die Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding, die durch ihre Verwicklung in das Attentat auf eine Konkurrentin traurige Berühmtheit erlangte, wird hier mit viel schwarzem Humor erzählt. Damit wie auch mit dem Durchbrechen der vierten Wand entsteht ein unglaublich unterhaltsamer Film mit einer grossartigen Margot Robbie in der Hauptrolle. Ein echter Geheimtipp und der beste Eiskunstlauffilm seit Blades of Glory.

I, Tonya erzählt die Geschichte der US-Eiskunstläuferin Tonya Harding. Ohne jegliches Vorwissen klingt das nicht gerade sehr prickelnd. Wenn wir euch aber sagen, dass Harding in Ereignisse verwickelt war, die zu einer zertrümmerten Kniescheibe ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan führte, erhöht dies vermutlich die Neugier. Und jetzt sagen wir euch auch noch, dass daraus nicht ein trockenes Drama mit einem schmerzhaften Finale entstanden ist, sondern eine schwarze Komödie, welche wohl nur die Brüder Coen besser hinbekommen hätten - na, den Film schon auf die Watchlist gesetzt?

Der Film von Craig Gillespie (Lars and the Real Girl) ist ein böser Spass mit tragischen, aber nicht sehr hellen Figuren im Zentrum. Das Ganze wirkt zwischendurch, als hätten sich die Verbrecher aus Fargo verfahren und seien in der Welt des Eiskunstlaufens gelandet.

Bevor der Reigen startet, wird auf Texttafeln verkündet, dass das Folgende auf widersprüchlichen und keinesfalls ironischen Interviews basiert. Wir lernen dann erstmal die Protagonisten kennen, die vor einer Kamera über das Erlebte berichten, was in Rückblenden verbildlicht wird. Das wird dann nicht nur durch ein wenig Voiceover unterstützt. Nein, die Figuren zweifeln zwischendurch den Wahrheitsgehalt an und wenden sich sogar ein paarmal während der Rückblende direkt an die Zuschauer. Die von Alison Janney gespielte Mutter darf sich so mal beschweren, dass sie jetzt schon längerer Zeit nicht mehr im Film vorgekommen ist.

Mit diesen Zutaten entsteht ein unterhaltsamer Streifen, welcher mit dem Medium Film spielt, aber seine Figuren trotzdem durchaus ernst nimmt. Ein schwieriges Unterfangen, das leicht in die Hose gehen kann, doch der Mut hat sich hier ausbezahlt. Gillespie schafft diesen Spagat mit einer Leichtigkeit, die bewundernswert ist.

Grossen Anteil daran haben natürlich auch die Schauspieler, welche durchs Band toll sind - allen voran Margot Robbie als fluchende, gefallene Eisprinzessin, die auch mal ihr schönstes Harley-Quinn-Smile zum Besten geben darf. Als Bösewichtin wird Harding jedoch nicht dargestellt. Sie ist definitiv kein Engelchen, doch der sonst auf Romanzen spezialisierte Drehbuchautor Steven Rogers (Kate & Leopold) zeichnet ein differenzierteres Bild einer Frau, die vom Gericht und der Masse für etwas verurteilt wurde, worauf sie keinen Einfluss hatte. Eine tragische Story, bei der man sich fast ein bisschen schämt, während zwei Stunden so viel gelacht zu haben - aber wirklich nur ein bisschen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 7

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Leider zu viel Hype um das ganze gemacht. In der Schlussabrechnung trotz ein paar Überlängen sehenswert. Humor, Inszenierung und Darsteller sind top.

woc

Kommt schon, Allison Janney bringt den besten Quote des Jahrtausends: «Well, my story line is disappearing right now. What. The. F*ck.»

Grandios.

goe

Der Film versucht eine tragische Geschichte mit einer gehörigen Portion Humor zu zieren.
Die teilweise unter der Gürtellinie verbalen Aspekte sind zwar witzig und gut dargestellt, der Film an sich hat mich leider nur bedingt überzeugt.

Einziges grosses Plus: Der Cast. Die Schauspieler sind nicht nur optisch sehr gut gewählt.

Allison Janney ist grossartig.
Paul Walter Hauser ist ebenfalls top besetzt.

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