I Am Not a Witch (2017)

I Am Not a Witch (2017)

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  2. 93 Minuten

Filmkritik: Di chli Häx

Junghexe in Ausbildung
Junghexe in Ausbildung © Studio / Produzent

In einem kleinen Dorf in Afrika sind die Einwohner in Aufruhr. Es soll sich eine Hexe im Dorf herumtreiben, die für alle möglichen Geschehnisse verantwortlich ist. Die angebliche Hexe ist allerdings nur die achtjährige Shula (Maggie Mulubwa), die wortlos durch den fremden Ort streift. Die örtliche Polizistin Josephine (Nellie Munamonga) hört sich die absurden Anschuldigungen der Dorfbewohner an. Am Ende der Farce gesteht das schüchterne Mädchen überraschend seine Hexerei und landet tatsächlich in einem Lager für Hexen.

Der Blocksberg
Der Blocksberg © Studio / Produzent

Die Hexen sind fast ausnahmslos alte Frauen, die Feldarbeiten verrichten und sich für Touristen zur Schau stellen müssen. Mit langen weissen Bändern sind sie stets an einen Ort gebunden, damit sie nicht davon fliegen können. Schon kurz nach dem Beginn ihrer Hexenausbildung sieht der Anführer (Dyna Mufuni) des Bezirkes in Shula seine Chance auf Ruhm und Profit. Eine junge Hexe - das sieht man selbst in dem afrikanischen Land nicht häufig.

I Am Not a Witch ist eine gelungene Satire, bei der einem nur selten wirklich zum Lachen zumute ist. Trotz der aberwitzigen Nebenfiguren ist das Drama der kleinen Shula immer ernst. Der Film zeigt viele Probleme Afrikas und stellt die richtigen Fragen darauf. Regisseurin Rungano Nyoni inszeniert ihre Heimat mit vielen kraftvollen Bildern, die auch emotional an das Schicksal der kleinen Hexe binden.

Ein Kleinbus fährt durch die Buschlandschaft Afrikas, und die klassische Musik schwellt bedrohlich an. Wir sehen Frauen mit weiss bemalten Gesichtern und langen Bändern an ihrem Rücken. Für die ausländischen Touristen kommt der Besuch des Hexenlagers einem Zoobesuch gleich, nur sind hier die Menschen auf beiden Seiten. Der Übergang zwischen Realität und Satire ist im Regiedebüt von Rungano Nyoni fliessend. Man kann die Geschehnisse hinterfragen, aber wirklich sicher kann man sich als Zuschauer hier nie sein.

Die Hexen sind natürlich keine echten Hexen, umso bizarrer sind die langen weissen Bänder, die sie am Fliegen hindern sollen. Es ist eine Gemeinschaft von zumeist alten Frauen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Eine Beschuldigung, und schon wird man die ungeliebte Schwiegermutter los. Für die heimatlose Shula ist es vielleicht die erste Gruppe von Menschen, die sich um sie kümmert. Obwohl sie im Film wenig spricht, überzeugt die Jugenddarstellerin Maggie Mulubwa. Es ist eine bedrückende Traurigkeit, die das Mädchen hier ausstrahlt, eine unausgesprochene Sehnsucht nach Akzeptanz.

In der Handlung gibt es immer wieder kleine Sprünge, die Shulas Geschichte etwas Episodenhaftes verleihen und keinerlei Leerlauf in den 93 Minuten zu lassen. Immer wieder werden die eigentlichen Märchenfiguren von der Realität eingeholt. Ob bei einem Fernsehauftritt oder im Supermarkt, nicht alle Menschen glauben wirklich an die Existenz von Hexen. Aber die, die sich nach einem Feindbild sehnen, nehmen die Hexen dankbar an und schrecken auch nicht vor dem Einsatz von Gewalt zurück. Die Inszenierung von Regisseurin Nyoni verschliesst nicht die Augen vor der Gewalt und der Korruption, sie stellt sie bloss dar und zeigt konsequent ihre Auswirkungen. Das Lächeln ist den weissen Touristen und dem reichen Anführer vorbehalten. Auf jede hoffnungsvolle Szene folgt die bittere Wirklichkeit. Die angeblichen Hexen sind nur ein Stellvertreter für alle gesellschaftlichen Verfehlungen.

I Am Not a Witch ist starkes Debütwerk. Die Satire überzeugt dank seiner selbstbewussten Inszenierung, der interessanten Thematik und seiner guten Hauptdarstellerin. Nicht alle kleinen Geschichten greifen ineinander, und zwischendurch verliert man Shula aus den Augen, genau wie die Menschen im Film. Nicht immer kann man die bizarren Situationen glauben, und manchmal möchte man das auch nicht.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:44