Der Hauptmann (2017)

Der Hauptmann (2017)

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  3. 118 Minuten

Filmkritik: Kleider machen Leute

42nd Toronto International Film Festival
Kalt
Kalt © Studio / Produzent

Wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Der deutsche Soldat Willi Herold (Max Hubacher) wird von einer Gruppe von betrunkenen Landsleuten durchs Dickicht gejagt. Es gelingt ihm schliesslich, sich so gut zu verstecken, dass die Suche nach ihm abgebrochen wird. Frierend schleppt er sich nun durchs Niemandsland, immer mit der Angst, getötet zu werden. Doch dann findet er am Strassenrand ein herrenloses Auto mit der Uniform eines Nazi-Hauptmanns auf dem Rücksitz. Herold zieht sich die Uniform an und wird wenige Minuten später von dem Soldaten Freytag (Milan Peschel) überrascht.

Eiskalt
Eiskalt © Studio / Produzent

Freytag glaubt, dass er hier tatsächlich auf einen Hauptmann getroffen ist und schliesst sich Herold an. Herold realisiert, was für eine Macht das Tragen einer solchen Uniform hat. Er beginnt, versprengte deutsche Soldaten einzusammeln und gründet die Kampftruppe Herold, die auf Geheiss des Führers hinter der Front aufräumen soll. Dabei werden Herold und seine Gefolgschaft zu abscheulichen Monstern.

Der krasse Schwarzweissfilm von Robert Schwentke zeigt die schockierende Geschichte des Kriegsverbrechers Willi Herold, der sich mit Hilfe einer gefundenen Hauptmann-Uniform selbst zum Anführer machte und damit auch aufgrund der Wirren des Krieges erschreckend weit kam. Ein Film für Zuschauer mit starken Nerven.

Nach mehreren Jahren in den USA hat der deutsche Regisseur Robert Schwentke wieder einmal in seiner Heimat gedreht. Herausgekommen ist ein Schwarzweissfilm über den Kriegsverbrecher Willi Herold, der auch der Henker von Emsland genannt wird. Gespielt wird Herold von dem Schweizer Max Hubacher (Der Verdingbub).

Schwentkes Film ist einer der Eskalation. Was zuerst als fast schon spitzbübischer Spass eines jungen Mannes beginnt, der nicht glauben kann, dass man ihn mit der Uniform ernstnimmt, wird schon nach wenigen Minuten zum tödlichen Ernst. Dabei hat es in den ersten Minuten schon was Satireartiges, wie die Soldaten blindlings ihrem neuen Anführer folgen, obwohl dessen Hose eigentlich zu lang ist. Je länger der Film jedoch dauert, desto schneller dreht sich die Spirale der Gewalt, und um so unangenehmer wird er.

Voll draufgehalten wird bei den Gräueltaten von Herold und seiner Truppe jedoch nicht. Wie Dutzende von Deserteuren in dem Kriegsgefangenenlager Emsland niedergemäht werden, ist so zum Beispiel fast nur zu hören - die Bilder werden dem Kopf des Zuschauers überlassen, was ebenfalls verstörend ist.

Für Verwirrung sorgt der Film an zwei Stellen. Zum einen zu Beginn: Da wird Herold von deutschen Soldaten gejagt, und es wird nicht wirklich klar, warum dem so ist. Es wirft Fragen auf, warum er dann zu einem solchen Monster wird, nachdem er selbst als Unschuldiger von anderen geplagt worden ist. Zum anderen gibt es nach dem Emsland-Massaker eine Textkarte, dass der Ort des Geschehens heute ein Ackergebiet sei, dazu wird ein farbiges Foto gezeigt. Dies reisst die Zuschauer richtiggehend heraus, da man mit solchen Dingen eigentlich erst beim Abspann rechnet und nicht inmitten des Filmes, der danach noch eine gute halbe Stunde weitergeht.

Diese letzten 30 Minuten ziehen sich dann auch recht dahin, wobei die Provokationskeule noch ein paarmal ausgepackt wird. Starke Nerven braucht es hier, und wer diese hat, kriegt einen niederschmetternden Film, der fast komplett auf Sympathieträger verzichtet und den Wahnsinn des Krieges und dessen Maschinerie schonungslos aufzeigt. Das Schockierendste ist jedoch, dass dies alles tatsächlich passiert ist.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Trailer Deutsch, 01:55