The Glass Castle (2017)

The Glass Castle (2017)

Schloss aus Glas
  1. ,
  2. 127 Minuten

Filmkritik: Family Guys

13. Zurich Film Festival 2017
Ginger Alert
Ginger Alert © Impuls Pictures AG

Jeannette Walls (Brie Larson) hatte keine einfache Kindheit. Obwohl sich ihr Vater Rex (Woody Harrelson) mit ungewöhnlichen Methoden und viel Fantasie und Zuneigung um seine vier Kinder gekümmert hat, wurde die Familie von vielen Problemen geplagt. Anstatt wie andere Kinder zur Schule zu gehen, einen festen Wohnsitz zu geniessen oder jeden Abend eine warme Mahlzeit zu bekommen, wurden Jeannette und ihre Geschwister Lori (Sarah Snook), Maureen (Brigette Lundy-Paine) und Brian (Josh Caras) durch hoffnungsvolle Geschichten und Versprechen ihres alkoholkranken Vaters und ihrer exzentrischen Künstler-Mutter (Naomi Watts) bei Laune gehalten und von der schwierigen finanziellen Lage abgelenkt.

The Gypsy Family
The Gypsy Family © Impuls Pictures AG

Jahre später steht Jeannette alleine auf ihren Beinen, lebt zusammen mit ihrem langjährigen Freund David (Max Greenfield) in New York und arbeitet dort als Journalistin. Ihre Vergangenheit holt sie immer wieder ein, denn ihre Eltern leben als Obdachlose in den Strassen des Big Apple und sind vom neuen Lebensstil ihrer Tochter alles andere als begeistert.

Nachdem sie bereits in Short Term 12 zusammengearbeitet haben, hat Regisseur Destin Daniel Cretton Oscarpreisträgerin Brie Larson (Room) ein zweites Mal ins Boot geholt und mit ihr die Bestseller-Biographie "The Glass Castle" verfilmt. Zusammen mit Woody Harrelson (No Country For Old Men) und Naomi Watts (Mulholland Drive) lebt das etwas in die Länge gezogene Familien-Drama dann auch von vielen wunderbaren Darbietungen, die es in sich haben und zu Tränen rühren. Dennoch ist The Glass Castle ein fast schon zu offensichtlicher Crowdpleaser und Tearjerker und versucht erst gar nicht, etwas dagegen zu tun.

Für ihre exzellente Performance in Room erhielt Brie Larson völlig zurecht ihren ersten Oscar. Die talentierte Schauspielerin steht seit Kindertagen vor der Kamera und hat es mit noch nicht einmal 30 Jahren an die Spitze Hollywoods geschafft. Ihren grossen Durchbruch feierte Larson mit dem kleinen, aber wunderbaren Indie-Drama Short Term 12, in dem sie die Teamleiterin eines Heims für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche verkörperte.

Doch Short Term 12 ebnete nicht nur für seine Hauptdarstellerin den Weg nach oben, sondern auch für seinen Regisseur und Drehbuchautor Destin Daniel Cretton. Dieser nahm sich nun der Bestseller-Biographie "The Glass Castle" an. Die gleichnamige Adaption basiert auf der Lebensgeschichte der Klatschkolumnistin und Journalistin Jeannette Walls, gespielt von Brie Larson, und behandelt ihre schwierige Kindheit in einer dysfunktionalen Nomaden-Familie. The Glass Castle ist ein Sitzfleisch erforderndes Familien-Drama, das zwar mit tollen Schauspielleistungen überzeugt aber sich etwas zu oft mit den selben Prämissen auseinandersetzt und am Ende etwas zwiespältig zurücklässt.

Neben einer fast schon gewohnt grossartigen Charakterdarstellung von Brie Larson sehen wir einen Woody Harrelson in Bestform und Naomi Watts, die nach ihren Auftritten in Twin Peaks gleich noch einmal zeigt, dass sie eigentlich alles spielen kann und hier als ungepflegte Künstlermama "Mut zur Hässlichkeit" beweist. Harrelsons schmaler Grat zwischen Hassfigur und Sympathisant als alkoholkranker Daddy mit speziellen Erziehungsmethoden ist voll und ganz auf den Schauspieler zugeschnitten und dies nützt der Texaner auch dementsprechend aus. Ebenfalls sehr gut besetzt, sind die Kinderdarsteller, die nicht nur äusserst natürlich wirken, sondern dem Film auch ein gewisses Coming-of-Age-Feeling verleihen.

Leider fehlt The Glass Castle eine klare Linie, eine Struktur, die nicht nur das gut funktionierende Hollywood-Familiendrama-Paket unterstützt, sondern das Werk etwas davon abhebt. Crettons Adaption weist viele Versatzstücke auf, die andere Familiendramen in ähnlicher Weise auch schon gezeigt haben. Trotzdem regt The Glass Castle die Emotionen an, erzählt aus dem Leben, baut "Glasschlösser" und offenbart, wie wichtig die Familie ist. Freiheit ist Glück, doch zu welchem Preis? Cretton stellt die richtigen Fragen, bleibt aber am Ende zu wenig konsequent und gibt mit seinem dritten Spielfilm eine Hollywood-typische Antwort darauf.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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