Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings (2017)

Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings (2017)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Von Tupajas und der BZO

Spreng genommen: Zürich gehört zerbomt.
Spreng genommen: Zürich gehört zerbomt. © Studio / Produzent

Thomas Hämmerli kam als Sohn aus gutem Haus zur Welt. Nach der Kindheit am Zürichberg und einem scheidungsbedingten Abstecher mit der Mutter in die Agglo von Dietlikon radikalisierte er sich in den Jugendjahren und gehörte der linksextremen Szene an, die mit der Besetzung des "Hellmi" bei der Bäckeranlage für Aufruhr im Zürcher Stadtrat sorgte. Als Teil einer Luxus-WG mit lauter Bewohnern, die beim Schweizer Fernsehen arbeiteten, oder als Paris-Korrespondent des Nachrichtenmagazins 10 vor 10: Wohnungen besass Journalist Hämmerli im späteren Leben immer wieder andere. Gerne auch welche im Ausland wie zum Beispiel in São Paulo oder Tiflis, wo er mal mit, mal ohne seine Frau die Vor- und Nachteile des Lebens in einer Metropole genoss.

Die Aufzucht von Digital Natives verlängt Sorgfalt.
Die Aufzucht von Digital Natives verlängt Sorgfalt. © Studio / Produzent

Heute in Zürich lebend, stellt der Autor und Filmemacher immer wieder fest, wie anders es im behäbigen Wohnungsbau hierzulande zugeht. Statt wie die Brasilianer in die Höhe zu bauen und so auf gleichem Raum mehr Platz zu schaffen, kreiert man lieber ein neues Wort wie "Dichtestress", um sich salonfähig über die Zuwanderung zu echauffieren. "Gentrifizierung" ist noch so ein Modewort, mit dem man über die immer schneller drehende Welt ablästern kann. Doch je älter Hämmerli wird, desto mehr wird ihm bewusst, dass er die heutigen Entwicklungen mitverursacht. Wer plötzlich in Überbauungen wohnt, deren Bau man zwanzig Jahre früher noch persönlich bekämpft hat, kommt in Argumentationsnot. Und überhaupt: Wer weiss, was Gentrifizierung bedeutet, ist sowieso Teil davon...

Warum lebt die Grosszahl der Schweizer eigentlich im ersten bis dritten Stock? Warum wollen wir keine Wolkenkratzer? Und warum sieht Zürichs Innenstadt immer noch so putzig aus wie im vorletzten Jahrhundert? Thomas Hämmerli weiss wieso - und warum es sich nicht ändert. Als kommunikativer Verdichter mit globaler Präsenz nimmt er sich an der Nase und Städteplanung unter die Lupe. Mit Ironie und Knalleffekten. Aber immer witzig und prägnant.

Dass Thomas Hämmerli den drögen Duktus der Schweizer Dok-Filme nicht prickelnd findet, weiss man seit seiner "Anleitung zum Dokumentarfilm" von 1995, die heute verdankendswerterweise bei Youtube greifbar ist. Schon seine erste Dokumentation Sieben Mulden und eine Leiche war eine persönlich gefärbte Auseinandersetzung mit sich und seinem Umfeld, bei der Sarkasmus und Selbstironie nicht zu kurz kamen.

Auch Die Gentrifizierung bin ich ist, neben Erhellendem zum Thema Stadtentwicklung und Wohnungsbau, in erster Linie Privatsache - vom Hodensack des Erstgeborenen über die lackierten Fussnägel der Frau Gemahlin in der Badewanne bis zu seinen Socken im Geschirrspüler. In dem Hämmerli-Film durch und durch erfährt man während der gut 90 Minuten fast mehr über den Macher als das eigentliche Thema "Gentrifizierung".

Seine plakativen Thesen in grossen Lettern auf der Leinwand sind der Boden, auf dem Hämmerli baut; ein schier unerschöpflicher Fundus an Home-Videos und Archivmaterial seine Materialien zur steilen Konstruktion. Als gut erbender Cüpli-Sozialist konnte sich Hämmerli das ständig filmisch dokumentierte Jetset-Leben leisten. Als Early Adopter der Videokameras für den Verbrauchermarkt schaffte Hämmerli es sogar, seine Aushebung beim Schweizer Militär auf Kassette zu bannen. Das Archivmaterial aus anderer Quelle als dem Hämmerli-Privatarchiv ist mitunter aber das Spannendste am Film. Ein zorniger Stadtrat, fluchende Lumpensammler, Spaghetti kochende Saisoniers - alles hat Hämmerli zu einer informativen Spass-Doku "verdichtet".

Hämmerlis Thesen zum Modewort "Dichtestress" sind aber nur filmisches Recyling seines Büchleins "Der Zug ist voll", das im Vorfeld der Masseneinwanderungsinitiative entstand. Gleichwohl ist die Wiederholung witzig, dass die Emanzipation Mitschuld tragen soll an der Wohnungsknappheit in Zürich, um nur eine seiner Behauptungen zu nennen. Hämmerli als Global Citizen weiss auch, dass es um Zürich so schlimm nicht stehen kann. Schliesslich lebten in den Siebzigern mit 440'000 Einwohnern mehr Leute in der Stadt als heute - ein statsitischer Fakt von vielen, die Hämmerli gern mit seinen persönlichen Ansichten anreichert. Dass richtige Metropolen wie São Paulo, Paris oder Tiflis ganz anders mit Wohnraum umgehen müssen, scheint evident. Deren Tun aber von Hämmerli als Lösungsvorschläge vor Augen geführt zu bekommen, ist vor allem für die Bewohner der grössten Schweizer Stadt interessant.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Trailer Deutsch, 01:42