First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers (2017)

First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers (2017)

Der weite Weg der Hoffnung
  1. , ,
  2. 136 Minuten

Filmkritik: Das abrupte Ende einer Kindheit

42nd Toronto International Film Festival

Kambodscha in den Siebzigern: Das Leben des fünfjährigen Mädchens Loung (Sareum Srey Moch) wird nie mehr das sein, was es einmal war, als die Revoluzzer der Khmer Rouge in ihrem Heimatort Phnom Penh einmarschieren. Die Khmer Rouge enteignen die Menschen von ihrem Hab und Gut und sind auch auf der Suche nach Angestellten der momentanen Regierung, um sie zu liquidieren. Da Loungs Vater (Kompheak Phoeung) ein Beamter ist, schwebt er in grosser Lebensgefahr. Die ganze Familie ist so gezwungen, die Heimat zu verlassen, wobei sie sich bei jedem Kontrollpunkt als einfache Arbeiter ausgeben müssen.

Nach vielen beschwerlichen Tagen zu Fuss beginnt dann aber der wahre Horror in Form von Arbeitercamps. Die Familie wird in einem solchen auseinandergerissen und schuftet sich die Finger wundig, wobei Loung später auch noch als Soldatin ausgebildet wird. Die Fünfjährige wird so Augenzeugin und Opfer des ganz grossen Krieg-Schreckens.

Der fast komplett aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählte First They Killed My Father zeigt den Völkermord in Kambodscha in den Siebzigern. Angelina Jolies Film ist ein hochgradig packendes, erschütterndes und aufwühlendes Drama, das in seiner Bildsprache eindrucksvoll ist und einen auf psychischer Ebene ziemlich fertig machen kann.

Nachdem Angelina Jolie schon zuvor in The Land of Blood and Honey und Unbroken den Schrecken des Krieges zeigte, fährt die Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks diesen Kurs auch in ihrem neusten Film weiter. Sie möchte über die Verbrechen aufrütteln, die da verübt wurden und leider in paar Regionen der Welt immer noch werden. Doch so aufwühlend wie in First They Killed My Father, der den Kambodschanischen Bürgerkrieg zeigt, ist dies der Oscarpreisträgerin bisher noch nicht gelungen.

Es handelt sich dabei um die Verfilmung der Memoiren von Loung Ung, welche die im Film gezeigte Hölle in jungen Jahren durchlebte. Jolie hält sich nahe an die Vorlage und zeigt die Ereignisse vornehmlich aus der Sicht der fünfjährigen Loung, hier überzeugend gespielt von der Debütantin Sareum Srey Moch. Mittels dieser Perspektive ist der Film nicht gezwungen, alles gross zu erklären. Denn welcher fünfjährige Mensch interessiert sich schon für Politik und das Weltgeschehen?! Das macht aus First They Killed my Father dann auch eher eine emotionalen Achterbahnfahrt als eine Geschichtslektion. Zwar versucht Jolie zu Beginn mit Archivaufnahmen ein bisschen Kontext in die Sache zu bringen, doch geht es hier vor allem darum, diesen Horror durch unschuldige Augen zu sehen und all den Nachrichtenmeldungen und Geschichtsbüchertexten ein Gesicht zu geben.

Ein Gesicht, das je länger je mehr immer zu versteinern scheint. Es ist herzzerreissend zuzusehen, wie einem Mädchen die Kindheit auf einen Schlag geraubt, und es völlig hilflos in die Wirren des Krieges gezogen wird. Die Gewaltspirale scheint sich dabei immer schneller zu drehen. Zuerst auf psychischer Ebene, ab einem gewissen Punkt dann auch auf physischer. Hoffnung gibt es nicht viel. Keinen Ausweg, dafür viel Schmerz. Dies kann ermüdend wirken und die Frage stellt sich, wieso man sich einen solchen Streifen überhaupt ansehen sollte? Nun, zum einen, da er gegen das Vergessen kämpft und zum anderen, weil Jolies Film wirklich toll gemacht ist und es schafft, einen richtig in die Geschehnisse hineinzuziehen und während über zwei Stunden nicht mehr loslässt.

Der fast komplett in Kambodschanisch gedrehte, erschütternde Streifen wird noch lange im Gedächtnis bleiben und braucht sich vor anderen hochgelobten "Kinder-im-Krieg-Filmen" wie Empire of the Sun oder Grave of the Fireflies nicht zu verstecken. Jolies bisher bester Film.

/ crs