Final Portrait (2017)

Final Portrait (2017)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Von Selbstzweifeln geplagt

67. Internationale Filmfestspiele Berlin 2017
No Rush with Rush
No Rush with Rush © filmcoopi

1964 in Paris: James Lord (Armie Hammer), Kunstkritiker, hat gerade seinen Artikel über Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) fertiggestellt. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem etablierten Künstler haben sich beide gut kennengelernt, und so bittet Giacometti den Journalisten, für ihn Modell zu sitzen. Ein Porträt soll es werden, maximal einen Nachmittag soll die Arbeit daran dauern. Lord fühlt sich geehrt und nimmt Platz in der unaufgeräumten Werkstatt des Künstlers.

The Man from S.W.I.T.Z.E.R.L.A.N.D.
The Man from S.W.I.T.Z.E.R.L.A.N.D. © filmcoopi

Schnell wird jedoch klar, dass die angesetzte Zeit nicht eingehalten werden kann, viel zu unruhig und mit anderem beschäftigt ist der grosse Maler. Entweder passt ihm seine eigene Arbeit nicht, oder seine Geliebte Caroline (Clemence Poesy), die ihm ebenfalls Porträt sitzt, funkt dazwischen. Auch sein Bruder Diego (Tony Shalhoub), ebenfalls Künstler, oder seine Ehefrau Annette (Sylvie Testud) sorgen für Streit und bringen Giacometti oft aus der Arbeit. Mehrfach verschiebt Lord seinen Rückflug nach New York, bis er sich letztlich eine List überlegt, um den Künstler auszutricksen und von der Fertigstellung seiner Arbeit zu überzeugen.

In der fünften Regiearbeit des Schauspielers Stanley Tucci steht der etablierte Schweizer Künstler Alberto Giacometti im Zentrum. Der Film spielt im Jahr 1964 in Paris und zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der Schaffensphase des Malers. Zwei Jahre vor seinem Tod setzt er zu seinem finalen Porträt an, bei dem der Journalist James Lord Modell sitzt. Entstanden ist ein kleines, liebevolles Porträt eines von sehr kritischen Mannes, der oft von Selbstzweifeln geplagt ist.

Unaufgeräumt ist es im Atelier des Künstlers Alberto Giacometti, fast schon ein bisschen verlottert auch dessen Anblick: permanent rauchend, verstrubbelt ums Haar, Tag und Nacht in denselben Klamotten. Giacometti ist sein Aussehen egal, er lebt für die Kunst, und mit der ist er, trotz seines Erfolgs, nur leidlich zufrieden. Kritik an der eigenen genialen Arbeit eben. Der Schweizer Bildhauer und Maler lebte und arbeitete seit 1922 fast ausschliesslich in Paris. Der Film unter der Regie von Stanley Tucci, der damit seine fünfte Regiearbeit präsentiert, porträtiert einen kleinen Schaffensausschnitt aus dem Leben des Künstlers im Paris 1964.

Gedreht mit zwei Handkameras, die immer simultan liefen, um möglichst alles so naturalistisch wie möglich zu halten, zeigt Final Portrait Giacometti zwei Jahre vor seinem Tod bei seinem letzten grossen Porträt. Der amerikanische Kunstkritiker James Lord ist sein Modell. Dieser hat einen Artikel über ihn veröffentlicht und fühlt sich geehrt, den Meister bei seiner Kunst unterstützen zu können. Die grosse Verehrung, die Lord dem Maler entgegenbringt, beginnt im Verlauf jedoch zu bröckeln, denn er lernt Seiten an Giacometti kennen, die er nicht erahnt hätte. Angesetzt zunächst auf einen Nachmittag, wird die Sitzung ins Unendliche verlängert. Nicht nur leidet der Künstler unter kreativen Schaffenskrisen, sondern verbringt seine Zeit lieber auch mit seiner Geliebten Caroline oder in einem Bistro. Leicht hat es Lord nicht, muss er doch manchen Gefühlsausbruch und manche Laune über sich ergehen lassen.

Stanley Tuccis Drehbuch basiert auf der Biografie "A Giacomettis Portrait" von James Lord und bringt den Zuschauern zumindest in einem sehr kleinen Ausschnitt den Künstler mit all seinen Stärken und Schwächen nahe. Er erzählt vom Chaos des künstlerischen Schaffens, von Selbstzweifeln an den etablierten Werken, von einem Mann, dem sein ganzer Ruhm nicht wichtig ist. Stellenweise sehr humorvoll, ist Final Portrait eine kleine Studie über alltägliche Probleme, über Mut und Zweifel, über Selbstwert und das Zusammenbrechen eines Ideals. James Lords Freude, dem hochgelobten Künstler so nah sein zu können, fordert ihm auch einiges ab, und seine Erfahrung wird das Bild des Künstlers sicher etwas angeknackst haben. Ein kleines, liebevolles Porträt und ein toller Geoffrey Rush als zweifelndes Genie.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:56