Ex Libris: The New York Public Library (2017)

Ex Libris: The New York Public Library (2017)

  1. 197 Minuten

Filmkritik: Fundament der Demokratie

74. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2017
Streberhaufen!
Streberhaufen! © Xenix Filmdistribution GmbH

Die New York Public Library ist eine der wichtigsten kulturellen Institutionen in New York City. Neben dem Hauptgebäude existieren 92 Zweigstellen der Bibliothek, verteilt in Manhattan, der Bronx und Staten Island. Die Institution verfügt über riesige Sammlungen an Büchern, Filmen, Fotografien und weiteren Werken aus den Bereichen Kunst und Musik. Doch sie bietet der Gesellschaft weitaus mehr als den Zugang zu zahlreichen Informationen. Die Zweigstellen der Bibliothek fungieren als Gemeinschaftszentren, in welchen Kurse jeglicher Art angeboten werden.

"Und wie zoom ich da bitte?"
"Und wie zoom ich da bitte?" © Xenix Filmdistribution GmbH

Ob professionelle Ausbildungen in Fachbereichen der Informatik und Wirtschaft, Computerkurse für Anfänger, Tanzkurse für ältere Semester oder Förderkurse für Kinder - die New York Public Library hat für jede und jeden etwas zu bieten und ist allen zugänglich. Ihre Devise: Jeder Mensch ist willkommen, unabhängig von Rasse, ethnischer Herkunft, Alter oder sozialem Status. Um dem öffentlichen Auftrag der Institution gerecht zu werden, muss der Vorstand sich laufend dem Wandel der Zeit anpassen und diskutiert regelmässig Themen wie die Digitalisierung ihrer Sammlung, Fördergelder oder die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen.

In seinem 43. Film widmet sich Altmeister Frederick Wiseman der New York Public Library und hat damit eine exzellente Wahl getroffen. Seine neue Dokumentation befindet sich mindestens auf Augenhöhe mit den grandiosen Werken National Gallery oder At Berkeley. Der wichtige öffentliche Auftrag der Bibliothek und die damit verbundenen spannenden gesellschaftlichen Aspekte und Fragen machen Ex Libris - The New York Public Library zu seinem bedeutendsten und vielleicht besten Film. Dem "Fly on the wall"-Stil und der langen Filmdauer bleibt Wiseman dabei selbstverständlich treu.

Eine Kunstgalerie, eine Universität, ein Spital oder eine High School - der mittlerweile 87 Jahre alte Frederick Wiseman hat in seiner 50-jährigen Karriere zahlreiche amerikanische Institutionen zum Thema seiner Dokumentarfilme gemacht. Im "Fly on the wall"-Stil, den er wesentlich prägte, hält er dabei als stiller Beobachter mitten im Geschehen den Arbeitsalltag fest. Nicht anders geschieht dies in seinem neuen Werk Ex Libris - The New York Public Library.

Gleich zu Beginn werden die Zuschauer mitten in einen Vortrag im Foyer des Schwarzman-Buildings - des Hauptgebäudes der Bibliothek in Manhattan - geworfen. Gesichter der Zuhörer in Nahaufnahmen halten deren Emotionen fest. Die Gefilmten sind sich in Wisemans Filmen meist nicht bewusst, dass sie gerade gefilmt werden. Dies verschafft seinen Werken eine besonders grosse authentische Wirkung. Ins Schwarzman-Building kehrt Wiseman während seines 197-minütigen Dokumentar-Epos regelmässig zurück. Unter anderem finden darin die Vorstandssitzungen statt, die als Haupthandlungsstrang und Leitfaden des Films zu betrachten sind. In den Sitzungen diskutiert das Gremium um CEO Anthony Marx spannende Themen wie die Digitalisierung ihrer Sammlung, Fördergelder, die Zusammenarbeit mit politischen Parteien oder den Umgang mit obdachlosen Besuchern.

Wiseman bietet damit einen exklusiven, hochspannenden Einblick in die Ideen, Strategien und Grundsätze der Institution. Schnell wird dem Publikum bewusst gemacht, dass die Bibliothek viel mehr als nur Sammlungen und Archive zur Informationsbeschaffung bietet. "Libraries are not about books... Libraries are about people", wird in einem Vortrag gesagt. Die soziale Relevanz der Institution wird umso deutlicher, wenn Wiseman das Hauptgebäude verlässt und die Zweigstellen besucht. Viele fungieren als Gemeinschaftszentren und Wiseman legt den Fokus bei den Besuchen auf die gemeinschaftlichen Aktivitäten, Gastvorträge und Vorführungen.

Umfangreich wie die Bibliothek selbst sind die Szenen: Ein Klarinettenkonzert für Bedürftige in der Bronx, Tanzeinlagen zu Discomusik von Damen hohen Alters, Kinder, welche ferngesteuerte Autos basteln, Literaturgespräche mit den Musikern Elvis Costello und Patti Smith, Diskussionen über die Situation und Entwicklung der Black Community oder Poetry-Slam-Darbietungen. Viele der Szenen sorgen für Lacher, sind lehrreich und einige auch inspirierend. Die wichtigste Erkenntnis aus all den Beiträgen: Die Türen der New York Public Library stehen jedem Menschen offen. Die Bibliothek will jedem Menschen den Zugang zu Information, die Möglichkeit zur Bildung, zur sozialen Interaktion und zur Inspiration bieten. Treffend dazu werden Bibliotheken während eines Galadinners als Fundamente der Demokratie bezeichnet.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:23