The End of Meat (2017)

The End of Meat (2017)

  1. 94 Minuten

Filmkritik: Meat & greet

Das Streicheln der Lämmer
Das Streicheln der Lämmer © Outside the Box

Es ist zappenduster, abscheulich eng und es stinkt bestialisch. Und es ist der Ort, an dem Fantastilliarden Lebewesen ihre bedauernswerten Tage verbringen, bevor sie im riesigen Sattelschlepper an den Ort gefahren werden, wo sie der finale Bolzenschuss erwartet. Für Futter und Ställe werden immer mehr Flächen verbaut, längst ist das Tier zur wirtschaftlich lukrativen, aber ökologisch verheerenden Ware verkommen. Obwohl so viele Menschen wissen, dass ihre Fleischgier die Gesellschaft in die Apokalypse treibt, halten sie daran fest.

Vielleicht gelingt es ja, sie anstelle von Schreckensszenarien mit einer Utopie zu überzeugen. Wie sähe eine Welt ohne Fleischkonsum aus? Um diese Frage zu beantworten, macht sich der vegane Aktivist Marc Pierschel auf die Suche bei Herstellern veganer Lebensmittel, Tiergnadenhöfen und bei Unternehmen, die tierische Produkte im Labor erzeugen. Sie alle lassen uns eine Welt erahnen, die zu schön scheint, um wahr zu sein.

In Zeiten, in denen der Fleischkonsum gerade in der westlichen Welt stark am Pranger steht und sich die Fronten zwischen Fleischessern und Vegetariern zu verhärten scheinen, sind sanfte Töne willkommen. The End of Meat schlägt sie an, bleibt aber in seiner Haltung überzeugt, resolut und konsequent. Der Film zeichnet paradiesische Bilder voller Frieden zwischen Mensch und Tier. Doch auch wenn diese Utopie zieht und der vegetarische Zuschauer da und dort ein sehnsüchtiges Lächeln nicht unterdrücken kann, wird sich der stolz selbstgeadelte «Karnivor» wohl kaum angesprochen fühlen.

Heuer beklagen sich in Frankreich Metzger über Attacken militanter Veganer, in Kanada wurde 2015 eine Aktivistin angezeigt, weil sie Schweinen auf dem Weg zum Schlachthof Wasser zu trinken gab und in Deutschland machte sich unlängst die Landwirtschaftsministerin dafür stark, Menschen, die heimlich in Ställen filmen, stärker zu bestrafen. Das Thema Fleisch ist ein heisses Eisen und wer zu unbekümmert danach greift, kann sich stark verbrennen. Der vegane Regisseur Marc Pierschel ist sich dessen bewusst und reagiert auf diese Entwicklung mit einer (zugegebenermassen äusserst utopischen) Utopie.

Nachdem der Film im Eiltempo die Geschichte des Fleischkonsums abgehandelt hat, dabei ökologische wie ökonomische Faktoren grösstenteils nur streift, vollzieht er einen Quantensprung in die Was-wäre-wenn-Welt, in der Mensch und Tier (den Begriff «Nutztier» wurde bereits aus dem Wörterbuch gestrichen) friedlich und respektvoll nebeneinander leben. Der Speziesismus, der analog zum Rassismus zwischen Spezien eine moralische Linie zieht, wurde überwunden, ebenso der Lifestyle der Flexitarier und Omnivoren. Aus Fleisch wurde endgültig Vleisch, anstatt «meat is good for you» heisst es nun «meet each other»!

The End of Meat ist kein Aktivisten-Film, wie man ihn erwarten würde. Er vergeudet keine Zeit damit, sich mit der Welt zu beschäftigen, wie sie nicht sein soll. Er fokussiert einen Wunschzustand, zeigt vorwiegend ethische Zusammenhänge und Konsequenzen des Fleischkonsums auf und gibt den Protagonisten viel Zeit auszureden und nebst ihren teilweise äusserst profunden Statements Gelegenheit, ihre grossartige, visionäre und verheissungsvolle Arbeit zu präsentieren. Daran zu kritisierende Aspekte werden nicht berücksichtigt. Sie hätten auch wenig Platz in diesem kollektiven Vegi-Schwelgen, aus dem man schlussendlich wie aus einem Traum erwacht und auf dem Boden des grauen Alltags brutal aufschlägt.

So sind seine Stärken leider zugleich die nicht selbst verschuldeten Schwächen des Films. In der Medienwelt, in der hauptsächlich die auf (negative) Emotionalität und reisserisches Vokabular getrimmten Beiträge überleben, droht diese pazifistische Stimme nicht gehört zu werden. Diejenigen, die sich diesen Film anschauen, sind bereits über alles darin Vorkommende orientiert, die anderen machen wohl leider einen Bogen darum. Zu realitätsfern dürften diese dieses dargestellte El Dorado auffassen, denn tatsächlich scheinen die Bilder wie aus einer anderen Epoche zu stammen. Aber eben: einer bedingungslos erstrebenswerten und stupend einfach zu erreichenden Epoche.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Deutsch, 02:31