L'empereur (2017)

L'empereur (2017)

Die Reise der Pinguine 2
  1. 82 Minuten

Filmkritik: Kaiser Pinguin II.

Fast food
Fast food © Impuls Pictures AG

Man sieht ihr an, dass sie sich unter einer Wohlfühloase etwas anderes vorstellt. Mit 0.5 Kilometern pro Stunde stakst die schwarz-weisse Gestalt über das Eismeer, die grösste Wüste der Welt. Einzig der Mond begleitet sie. Manchmal rutscht sie weg, fängt sich auf, hält inne. Kurz zuvor ist der Kaiserpinguin noch pfeilschnell durch den Ozean geglitten. Endlich, nach langer Zeit wieder einmal war er wieder einmal in seinem Jagdrevier.

Ice ice baby!
Ice ice baby! © Impuls Pictures AG

Vollgefressen begibt er sich auf den kilometerlangen Rückweg zur Kolonie, wo sein Junges ungeduldig den vorverdauten Nahrungsbrei erwartet. Doch unter den Tausenden von Artgenossen das eigene Kind zu finden, ist alles andere als selbstverständlich. Genauso wenig wie die Tatsache, dass sich dieses Jungtier in seinen wenigen Wochen Lebenszeit bereits als Überlebenskünstler profiliert hat. Denn dieser aberwitzige, graue Flaumknäuel lässt gar keinen fast unbestreitbaren Pflegeufwand vermuten.

Die zweite Filmreise von Luc Jacquet zu den einzigen ständigen Bewohnern der Antarktis ist teilweise eine Eingliederung seines zwölf Jahre jüngeren Vorgängerwerks, teilweise eine Erweiterung desselben insbesondere um faszinierende submarine Bilder des ungesehenen Kaiserpinguinreichs. Trotz dokumentarischer Off-Stimme wird der Charakterzeichnung der tierischen Protagonisten und mystischen Momenten genug Raum gelassen. Wem die erste Reise gefallen hat, der wird sich in der zweiten ebenso gut aufgehoben fühlen.

Es ist, als wären sie nie weg gewesen. «Platsch» macht es, und da liegen sie wieder auf ihren Bäuchen und gleiten übers Packeis: die Kaiserpinguine, deren Reproduktionszyklus Die Reise der Pinguine beschrieben hat. Eine längere Passage folgt, die seinen Vorgänger konzentriert, aber auf etwas verwirrende Weise rekapituliert. Diese reichert die ihr zugrunde liegende poetische Story mit Informationen an, auf die man in jenem Film so vergeblich gewartet hat. Der Tanz der Pinguine, die Nahrungssuche, die Paarung: All das wird nochmals in sehr ähnlichen Bildern wiedergegeben, fast so, als wolle Jacquet zeigen, dass er auch seriöse (aber dennoch berührende) Pinguin-Filme drehen kann.

Sobald also jeder up to date ist, zeigt dieser Film endlich, warum er so anders ist als sein Vorgänger. Dann öffnet sich das Füllhorn an atemraubenden Bildern. Ein blutroter Vollmond über den lila schimmernden Eisbergen, die unfassbare Vielfalt des Ozeanbodens, die fast bis zum Molekül sichtbar gemachte Meereswogen, und inmitten dieser Fanfaren des Ästhetisch-Erhabenen: der Kaiserpinguin. Ultra-HD-Kameras, Tauchboote und Drohnen: Für neuartige und packende Bilder schöpft die Crew aus dem Vollen und führt vor Augen, wie erhaltenswert dies alles ist, wenn «wir Menschen es denn zulassen». Jacquet lässt seiner gern bekundeten Begeisterung freien Lauf, und seine persönliche Faszination wird greifbar.

Alles, was passiert, wird nun glücklicherweise nicht von Pinguinstimmen, sondern von Udo Wachtveitl aus dem Off erzählt. Der nicht unproblematische Diskrepanzbruch zwischen Fakt und Fiktion, den die Vermenschlichung der Vögel damals bewirkte, ist nun zugunsten einer wissenschaftlichen Vermittlung beseitigt. Dabei geht das typische, kurz gehaltene Jacquet'sche Erzählen aber nicht verloren. Ein Hauch von Slapstick findet ebenso Platz wie eine diesmal im Rahmen gehaltene Vermenschlichung der Tiere. Zum Glück, denn, so macht dieser Film unmissverständlich klar: Wissenschaft und Mythos sind durchaus miteinander vereinbar. So tappen die Forscher noch immer im Dunkeln, wenn es beispielsweise um die Funktionsbeschreibung des unbeirrbaren Instinkts der Pinguine geht - und das ist bei Weitem nicht das einzige Fragezeichen. Am Ende der Welt stösst auch die Wissenschaft an ihre Grenzen, das Staunen hingegen bleibt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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