The Dinner (2017)

The Dinner (2017)

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  2. 120 Minuten

Filmkritik: Ein Abend im Sternerestaurant

67. Internationale Filmfestspiele Berlin 2017
Immerhin ist das Essen besser als die Stimmung.
Immerhin ist das Essen besser als die Stimmung. © Impuls Pictures AG

Das gutbürgerliche Ehepaar Paul (Steve Coogan) und Claire (Laura Linney) Lohman ist zu einem Dinner eingeladen. Stan (Richard Gere), Pauls Bruder und zugleich hochangesehener Politiker, und seine Frau Barbara (Rebecca Hall) bitten zu Tisch. Paul hat keine Lust dazu, doch fügt er sich seiner Frau. In dem exquisiten Restaurant, zu dem Paul von Anfang an kein gutes Wort findet, treffen die unterschiedlichen Paare aufeinander. Von Anfang an herrschen eine gewisse Gereiztheit und Unruhe, und Stan muss öfters den Tisch verlassen, um wichtige Telefonate zu führen. Paul hingegen verbreitet durchgehenden Zynismus am Essen oder Verhalten des Kellners.

Nach und nach kommt der eigentliche Anlass des Abends zur Sprache. Die Söhne der beiden Paare sind für ein bislang unentdecktes, schreckliches Verbrechen verantwortlich. Die Eltern müssen nun entscheiden, wie man am besten mit der Situation umgeht. Die angespannte Stimmung gipfelt in einem Streit und offenbart die moralischen Konflikte jedes Einzelnen.

Basierend auf dem Roman "Angerichtet" von Herman Koch, stehen bei einem Abend im Nobelrestaurant moralische Konflikte im Vordergrund. Die zum Teil wie ein Kammerspiel anmutende Tragikomödie des Regisseurs Oren Moverman kann über weite Strecken keine Spannung halten und entwickelt erst zum Ende des Films seine Kraft. Das Für und Wider der richtigen Entscheidung steht genauso in Frage wie die eigenen moralischen Ansichten.

Ein Menü in einem Sternerestaurant besteht aus fünf Gängen. Jeder Gang ist sehr übersichtlich gehalten, schliesslich soll noch Platz sein für den nächsten. Bei The Dinner geht es jedoch nur nebensächlich um Essen. Vielmehr entwickelt sich am edlen Tisch eine Tragikomödie feinster Güte, und moralisch ist hier nix, wie es scheint. Die Gänge geben der Geschichte nur ihre Kapitel und finden im Dessert ihren Höhepunkt.

Regisseur Oren Moverman, der mit seinem Regiedebüt The Messenger bekannt wurde, nahm sich des bekannten niederländischen Romans "Angerichtet" von Herman Koch an. Moralische Konflikte stehen hier im Mittelpunkt, als zwei Elternpaare und zugleich zwei Brüder nebst Ehefrauen zusammenkommen: auf der einen Seite Richard Gere als Stan, der im Rampenlicht stehende Politiker, auf der anderen Paul, sein Bruder und Lehrer, verkörpert von Steve Coogan.

Von Beginn an lernen wir Paul als notorischen Quengler kennen, der kein gutes Wort an seinem Bruder und schon gar nicht an dem geplanten Abend finden kann. Letztlich ist er es, der hier im Mittelpunkt steht und über den man im Verlauf der Geschichte am meisten lernt. Neurotisch, zynisch, kompromisslos ist er und dabei stehts grundehrlich. Wettert gegen seinen Bruder, meckert über die Gesellschaft, lässt kein gutes Wort an Politik und sozialen Werten.

Allen vier Beteiligten ist von Beginn an klar, worum es geht, nur der Zuschauer hinkt noch etwas hinterher. Doch dann wird klar, dass die Kinder der Grund sind - zum einen Michael, der Sohn von Paul und Claire, und zum anderen Rick, einer der Söhne von Stan und Katelyn. Es liegt ein grausiges Geschehen diesem Festessen zugrunde, ein Geheimnis, das gängeweise serviert wird. Mit verwickelt ist auch Beau, der aus Burkina Faso stammende Adoptivsohn des Politikers, durch den das bisher streng gehütete Geheimnis gelüftet werden könnte. Insbesondere an ihm lässt Paul kein gutes Haar, auch Rassismus spielt eine Rolle.

Die anfangs gebildete Meinung zu den vier Figuren wird mit fortschreitendem Abend komplett über den Haufen geworfen. Anfängliche Sympathien für Paul oder Claire geraten zum Ende des Films arg ins Wanken, erlebt man doch Seiten an den Figuren, die man nicht erahnt hätte. Die Auseinandersetzung der Erwachsenen, die damit umgehen müssen, dass ihre Kinder etwas Schlimmes getan haben, wird mit Rückblenden auf das Verbrechen und die Kindheit der beiden Brüder unterbrochen. So lernen wir einiges über die verkorkste Kindheit der beiden Brüder, über Schicksalsschläge und verlorene Liebe.

Leider gelingt es dem Film nicht, Spannung aufzubauen oder dem eigentlich thrillerhaften Geschehen Kraft zu verleihen. Vielmehr ist das Tempo oft zu langsam, die ewigen Tiraden Pauls sind zum Teil unerträglich und viele Sequenzen schlicht zu lang geraten. Einzig zum Ende des Films, als Sahnehäubchen nach dem Dessert, entwickelt der Film Kraft, als beide Paare in einer arg moralischen Diskussion aneinandergeraten. Diese Kraft hätte man sich zuvor mehr gewünscht.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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