Detroit (2017)

Detroit (2017)

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  2. 143 Minuten

Filmkritik: Hate cannot drive out Hate

Ich kann jetzt nicht reden, honey!
Ich kann jetzt nicht reden, honey! © Ascot Elite

Detroit, 1967: auch in der fünftgrössten Stadt der USA leidet die afroamerikanische Bevölkerung unter dem Rassismus, dem sie tagtäglich ausgesetzt ist. Der Konflikt gerät ausser Kontrolle, als die Polizei eine Razzia in einem Nachtclub durchführt und diverse schwarze Bürger verhaftet. Es brechen Strassenschlachten aus, und die Industriestadt befindet sich für fünf Tage im Ausnahmezustand.

Bad Cops
Bad Cops © Ascot Elite

Mitten in den Aufständen befindet sich der afroamerikanische Security-Wachmann Dismukes (John Boyega), der einen kleinen Laden vor Plünderern bewacht. Als ihm gegenüber ein Polizeiaufgebot aufkreuzt, versucht er Ruhe zu bewahren und bringt den Cops Kaffee. Als die Gruppe plötzlich beschossen wird, begeben sie sich zum Motel Algier, wo die Schüsse herkamen. Die Polizeitruppe um Officer Krauss (Will Poulter) durchsucht sofort das Haus nach dem Schützen und trifft auf eine Gruppe Kids, die eigentlich bloss ein bisschen feiern wollten.

Gewohnt kompromisslos inszeniert Kathryn Bigelow (Zero Dark Thirty) mit Detroit zum dritten Mal in Folge einen dokumentarisch eingefangenen, sozialkritischen Thriller, der nicht nur den Nerv der Zeit trifft, sondern in Sachen Spannung fast den Rahmen sprengt. Der Film ist wahrer Horror: ein wütendes, einschnürendes Kammerspiel, das den Fokus auf Chaos und Hass legt und sich kaum Zeit nimmt, eine Geschichte zu erzählen. Ein schlauer, wenn auch anstrengender Entscheid. Detroit hinterlässt Spuren, und es wäre wünschenswert, dass Filme wie dieser in Zukunft nicht mehr notwendig sind.

Kathryn Bigelow gehört ohne Frage zu den wichtigsten und intelligentesten Regisseurinnen unserer Zeit. Als erste und bisher einzige Frau konnte sie für ihren Film The Hurt Locker neben fünf weiteren Goldmännchen den Regie-Oscar entgegennehmen. Mit ihrer dokumentarisch inszenierten Jagd nach Osama bin Laden (Zero Dark Thirty) wurde sie gleich nochmals mit Preisen überhäuft und bestätigte endgültig ihren Platz an der Regie-Spitze Hollywoods. Mit Detroit kehrt sie nun eindrücklich zurück und stellt ihre Vorgängerwerke in Sachen Intensität sogar noch in den Schatten.

Das Releasedatum des Films wurde so gewählt, dass er zum 50. Jahrestag der Unruhen in Detroit in die Kinos kommen konnte. Das Drehbuch, das eine intensive 12-monatige Recherche über die Hintergründe der damaligen Aufstände nach sich zog, wurde von Mark Boal geschrieben, der auch für Bigelows letzten beiden Filme als Autor fungierte.

Es ist nicht so, dass Bigelow das Rad neu erfinden würde. Polizeigewalt an Afroamerikanern, Rassismus und wutentbrannte Unruhen sind heute genauso aktuell wie noch vor 50 Jahren. Doch gerade dass diese Parallelen zur Aktualität unverkennbar sind, zeigt, wie wichtig ein Film wie Detroit ist, auch wenn man bereits vieles schon in ähnlicher Art und Weise gesehen hat. Die Kunst ihres Thrillers liegt aber vor allem darin, dass er im Hauptteil mehr einer Home-Invasion gleicht, dabei die Suspense eines Horrorfilms an den Tag legt und die Zuschauer trotz bekannten Elementen in eine ungemütliche und angespannte Lage bringt. Fingernägelkauend gerät man in den Sog dieses Kammerspiels, das dank sauberer Kameraarbeit und formidabler Schauspielkunst zum klaustrophobischen Schocker wird. Detroit ist nichts für Zartbesaitete und geht unter die Haut.

Will Poulter als rassistischer Bulle ist trotz Antipathie eine Wucht. Da bleibt Star Wars-Neuling John Boyega als einziger ruhiger Pol fast ein wenig blass. Trotzdem ist seine Figur wohl die Interessanteste. Am stärksten ist Detroit aber sowieso dann, wenn mehrere Figuren aufeinander prassen und die Wut ähnlich wie in Do the Right Thing spürbar ansteigt. Die Kombination aus Chaos und Gewalt lässt die Grenzen zwischen Opfer und Täter zusehends verschwimmen, und als Zuschauer hat man das Gefühl, sehr nahe am Geschehen zu sein. Kathryn Bigelow ist ein grausam lebendiger Thriller gelungen, der in seiner Thematik vielleicht etwas eindimensional und altbacken daherkommt, in seiner Message und Ausdruckskraft aber unbedingt notwendig ist.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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Kommentare Total: 3

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Kurz und schmerzlos. Für mich persönlich der beste Film des Jahres 2017 bisher. Realistisch, schockierend und kompromisslos. Hut ab Frau Bigelow, sehrwahrscheinlich werden da ein paar Oscarnominationen warten.

Conor

Jede Rolle ist sehr sorgfältig besetzt, aber die Hauptrolle spielt die Kamera. Immer in Bewegung, jedoch nie verwackelt, schnell geschnitten, jedoch nie hektisch, immer genau dort wo sie sein soll: Mitten drin ohne je zu viel oder zu wenig zu zeigen. Kathryn Bigelow schafft das Kunststück, den Zuschauer zum Beteiligten zu machen.

yan

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