Dene wos guet geit (2017)

Dene wos guet geit (2017)

  1. 71 Minuten

Filmkritik: Grosi, häsch mer 50'000 Stutz?

Gestranded?
Gestranded? © Studio / Produzent

Verschiedene Schicksale in einer trostlosen Schweizer Vorstadt: Ein Pflegefachmann kümmert sich um eine demenzkranke Frau. Polizisten, die am Bahnhof Sicherheitskontrollen durchführen, diskutieren über das günstigste Handyabo. Eine Privatbank empfängt russische Millionäre. Alice (Sarah Stauffer) arbeitet in einem Callcenter und dreht gutgläubigen Senioren ein neues Krankenkassenangebot an. Doch heimlich hat sie einen Trick gefunden, selbst rasch an ein Vermögen zu kommen: Sie ruft alleinstehende Grossmüter an und täuscht ihnen vor, ihre Enkelin zu sein und dringend Geld zu benötigen.

Dene wos guet geit ist ein formal mutiger und experimentierfreudiger Erstlingsfilm, dessen Konzept grösstenteils aufgeht. Erzählt in scheinbar banalen, dokumentarisch anmutenden Bildern, hebt sich der Film nicht nur visuell von der üblichen Schweizer Filmlandschaft ab, sondern gefällt auch mit subtilen satirischen Untertönen. Schade, fühlt er sich inhaltlich zuweilen etwas repetitiv an.

Es handelt sich um das Langfilm-Debut des Künstlers Cyril Schäublin, produziert zusammen mit seinem Kameramann und Co-Cutter Silvan Hillmann mit minimalen finanziellen Mitteln. Aus der Not machten die Filmemacher eine Tugend: Sie verzichteten vollständig auf künstliches Licht, aufwändige Kamerafahrten oder sonstige audiovisuellen Tricks. Stattdessen wurde der ganze Film in flachen, grafischen Bildkompositionen gedreht, abwechselnd zwischen orientierungslosen Nahaufnahmen und aus grosser Distanz mit dem Teleobjektiv gefilmten Totalen. Die Umgebungen wirken vertraut und doch abstrakt: Figuren warten vor nackten, grauen Wänden, stehen mit dem Auto im Stau, schlendern durch den Park, während wir wie zufällig ihre Gespräche hören.

Dene wos guet geit hat visuell einen deutlichen dokumentarischen Charakter, verknüpft jedoch mit der Nüchterheit und Strenge, wie man es sonst eher in skandinavischen Arthousefilmen beobachtet. Eine ähnlich klaustrophobisch-voyeuristische Wirkung hat etwa Ruben Östlunds Mobbing-Drama Play, und auch Hanekes Werke wie Code Inconnu kommen in den Sinn. Vielleicht könnte man im Paranoia-Effekt von langen, aufsichtig gefilmten Einstellungen sogar ein Zitat auf die Eröffnungssequenz von The Conversation erkennen. Auf jeden Fall gelingt Schäublin und Hillmann mit ihrem Erstlingsfilm eine Ästhetik, die dem verbreiteten "SRF-Look" des hiesigen Filmschaffens (*hüstel* Die göttliche Ordnung) diametral entgegensteht.

Gut auch, haben sich die Macher für eine kompakte Laufzeit von 71 Minuten entschieden, denn bei aller filmischen Experimentierfreudigkeit ist der Inhalt doch eher simpel. Schäublin gibt sich zwar redlich Mühe, den Haupthandlungsstrang von Alice in diverse Alltags-Vignetten einzubetten, die auf satirisch-trockene Weise das Leben im Zeitalter des Internetabos und der Krankenkassenprämie reflektieren. Mit der Zeit beginnen sich die Szenen jedoch zu repetieren, und man hätte sich mehr Mut zur inhaltlichen Provokation gewünscht. Zwar werden durchaus aktuelle Themen aufgegriffen, etwa die Entfremdung zwischen der Snapchat-Generation und ihren Grosseltern - der Film bleibt schlussendlich aber etwas zahnlos.

/ Jonas Ulrich [jon]

Trailer Schweizerdeutsch, mit englischen Untertitel, 02:11