D'après une histoire vraie (2017/I)

D'après une histoire vraie (2017/I)

Nach einer wahren Geschichte
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  3. 100 Minuten

Filmkritik: Die Ghostwriterin

70e Festival de Cannes 2017
Grün hinter den Ohren.
Grün hinter den Ohren. © Impuls Pictures AG

Die Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) hat gerade ihren sehr persönlichen Roman beendet, in dem sie den Suizid ihrer eigenen Mutter verarbeitet. Das Buch ist zum Bestseller geworden und sie zur gefeierten Autorin. Allerdings ruft der Erfolg auch Neider hervor: So erhält sie anonyme Briefe, die sie beschuldigen, aus dem tragischen Schicksal ihrer Mutter Kapital schlagen zu wollen. Ausserdem zehrt der Druck, einen neuen Bestseller zu schreiben, stark an ihren Kräften.

Nach einer Autogrammstunde kommt sie ins Gespräch mit einer jungen Frau (Eva Green), die sich "Elle" nennt und sich als Delphines grösster Fan bezeichnet. Delphine beginnt, sich Elle gegenüber zu öffnen und freundet sich mit ihr an. Doch dann nistet sich Elle immer mehr in ihrem Privatleben ein: Sie zieht in Delphines Nähe und übernimmt für die angeknackste Autorin auch gleich die E-Mail-Korrespondenz. Doch meint es ihre neue Freundin wirklich nur gut oder möchte sie am Ende gar ihr Leben stehlen?

Roman Polanski macht auf Autopilot. Der Meisterregisseur bedient sich in seinem neuesten Film bei verschiedenen Genre-Vorbildern, nicht zuletzt auch bei sich selbst, und lässt dabei die Spannung oder die starken Dialoge seiner letzten Werke vermissen. Mit diesem Film, in dem es ums Schreiben geht, schreibt Polanski leider keine Filmgeschichte. Aber das hat er ja glücklicherweise schon zur Genüge getan.

Das Positive: Auch ein schwacher Polanski ist immer noch ein einigermassen passabler Streifen. So auch D'après une histoire vraie. Denn mit seinen über 50 Jahren Routine weiss der 83-Jährige, wie man einen ansprechenden Film inszeniert - insbesondere im Psychothriller-Genre, in dem der Regisseur seit Repulsion oder Le locataire zu Hause ist. Die Bildsprache, die Musik, die Dramaturgie, das ist grundsolide Genrearbeit. Mit Eva Green und ihrem Eva-Green-typischen leicht spöttischen Blick hat er zudem eine perfekte Femme fatale, und seine Ehefrau Emmanuelle Seigner verkörpert ihre Rolle als psychisch instabile Bestsellerautorin ebenfalls ansprechend.

Woran krankt der Film denn? An erster Linie mal an der Originalität. Er beginnt ein wenig wie eine Kopie von Falsche-Freunde-Thrillern wie Harry, un ami qui vous veut du bien. Bald schon fühlt man sich dann stark an Misery erinnert. Und am Schluss... Halt, stopp, das verraten wir hier natürlich nicht. Doch so viel: Den finalen kleinen Twist hat man auch schon irgendwo mal in ähnlicher Form gesehen.

Nicht zuletzt holt Polanski die Inspiration auch von seinen eigenen letzten Werken: Das Schreiben hat er bereits in The Ghost Writer thematisiert, von seinem letzten Film, La venus à la fourrure, übernimmt er nicht nur die französische Sprache und Hauptdarstellerin Seigner, sondern auch das Kammerspiel-artige Format: Wenn es hier im Unterschied zum Vorgänger auch einige Nebendarsteller gibt, so sind diese kaum relevant. Denn der Film ist ganz als Katz- und Mausspiel zwischen den beiden Protagonistinnen ausgelegt.

Und da manifestiert sich ein weiteres Problem: D'après un histoire vraie fehlen die starken Dialoge eines Carnage oder auch eines La venus à la fourrure. Und gerade bei einem dermassen auf die beiden Protagonistinnen ausgelegten Drehbuch wären solche fundamental gewesen. Am Film mitgeschrieben hat übrigens Olivier Assayas, der letztes Jahr mit Personal Shopper mehr schlecht als recht im Spannungs-Genre versucht hat. Und leider, das ist der nächste Punkt, fehlt dem Film auch die Spannung eines The Ghost Writer. Viel zu behäbig entwickelt sich die Story. Der knapp 2-stündige Film hätte auch locker in 90 Minuten erzählt werden können.

Wie es auch nicht anders sein könnte bei diesem Thema, handelt es sich bei Polanskis Film um eine Romanverfilmung. Grundlage dafür ist das gleichnamige Buch von Delphine de Vigan, die wohl nicht ganz zufällig mit ihrer Protagonistin den Vornamen teilt. Schliesslich thematisiert die Geschichte auch die Probleme und Nöte von Autorinnen und Autoren wie die Schreibblockade. Schön ist, dass Polanski offenbar auch mit seinen über 80 Jahren noch keine Drehblockade zu kennen scheint. Doch leider ist sein neuester Film nur ein mittelmässiges Alterswerk.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 02:04