Breathe (2017/I)

Breathe (2017/I)

Breathe - Solange ich atme
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  2. 118 Minuten

Filmkritik: Dieser Mann will leben!

13. Zurich Film Festival 2017
Wahrhaftig Liebe!
Wahrhaftig Liebe!

England in den Fünfzigern: Der lebensfrohe Robin Cavendish (Andrew Garfield) verliebt sich Hals über Kopf in die hübsche Diana (Claire Foy). Gemeinsam unternehmen sie Ausflüge mit dem Auto, geniessen Sonnenuntergänge und die prickelnden Gefühle der jungen Liebe. Als sich Robin nach einem Tennisspiel schwach fühlt, schöpft noch kaum jemand Verdacht, was kommen wird: Robin bricht später im Garten zusammen, die Diagnose im Spital trifft sowohl ihn wie auch die schwangere Diana wie ein Schlag ins Gesicht: Robin leidet an Polio, Kinderlähmung. Seine restliche Lebensdauer schätzen die Ärzte auf drei Monate.

Lebensfroh bis zum letzten Atemzug
Lebensfroh bis zum letzten Atemzug

Fortan verbringt er, vom Hals an abwärts komplett gelähmt und nicht mehr in der Lage, selbstständig zu atmen, seine Zeit im Krankenhaus. Er verliert seinen Lebensmut, gerät in eine Depression und würde seinem Leben am liebsten ein Ende setzten. Ganz zum Missfallen Dianas, welche kaum mitansehen kann, wie Robins Leben dem Ende entgegengeht. Sie beschliesst, etwas dagegen zu unternehmen, damit Robin seine Lebensfreude wiederfindet.

Andy Serkis' Regiedebüt ist ein Biopic über Robin Cavendish, einen britischen Tee-Makler der Dreissigerjahre, der an Kinderlähmung erkrankt. Eine Biografie eines tödlich Kranken, über das Leid und den Schmerz, die Angst vor dem Tod und den herzzerreissenden Abschied von den Liebsten? Nein! Breathe ist kein zentnerschwerer Mocken, sondern eine Ode ans Leben. Mit Andrew Garfield und Claire Foy wurde ein namhafter Cast gefunden, der gut harmoniert. Der Film bietet angenehme Unterhaltung trotz der tragischen Krankheit und einen geradlinigen, zielorientierten Storyfluss - allerdings auch etwas platte Charaktere.

Da mausert sich einer langsam zum Publikumsliebling: Andrew Garfield dürfte unterdessen nicht mehr nur begeisterten Cineasten ein bekannter Name sein. In Breathe bekommt er Claire Foy an die Seite gestellt, um das Leben eines Polio-Erkrankten zu spielen. Eine Thematik, bei welcher wieder einmal ein Schicksalsschlag gezeigt und künstlich auf die Tränendrüse gedrückt wird? Weit gefehlt bei Breathe. Traurig ist es schon, mitansehen zu müssen, wie Robins Körper zerfällt, er die Lust am Leben verliert oder beinahe erstickt, weil der Hund das Kabel der Beatmungsmaschine versehentlich herausreisst. Es ist jedoch erstaunlich, welch positive Einstellung der Film verfolgt, wie er das Leben feiert, obwohl es kaum etwas zu feiern gibt.

Wenn der reale Robin Cavendish, auf dessen Lebensgeschichte der Film basiert, solch ein Lebemann war, und dies trotz des - zu dieser Zeit - beinahe unausweichlichem Todesurteils Kinderlähmung, dann Hut ab! Zuweilen wirkt der Film beinahe euphorisierend, zu positiv und lebensbejahend, ansonsten pflegt er aber einen angenehm positiven Umgang mit der Krankheit. Dies ist sicherlich auch Garfield und Foy zu verdanken, welche angenehm harmonieren und ein gutes Filmpaar abgeben. Garfield strahlt wie bereits in Hacksaw Ridge erneut eine Aura aus, die die Zuschauer einhüllt. Auf Foy spielt ihren Part gefühlsvoll. Die Charakterhintergründe gehen dabei etwas vergessen. Bei dem bourgeoisen Lebensstil der Familie bleiben die Personen lediglich oberflächlich beleuchtet und wirken platt.

Der Soundtrack kommt mit Swing und Jazz zeitgemäss daher, das Setting der Dreissiger mit Cricket, klassischem Tanzball und romantischen Automobil-Ausfahrten passt sich nahtlos in dieses Gefüge ein. Breathe ist geradlinig, es wird nicht lange gefackelt, es gibt keine keine unnötigen Details, keine langsam auftretende Krankheit, alles geht zackig vorwärts. Nur wesentliche Eckpunkte der Geschichte werden erzählt.

Einige Entscheidungen wirken dadurch jedoch banal und fallen zu einfach aus, beinahe aus dem Ärmel geschüttelt. So wirkt die Story ziemlich naiv. Die schlussendliche Visite einer Konferenz in Deutschland und deren Umgang mit körperlich beeinträchtigten Menschen will uide, nicht ins Filmgefüge einpassen und bleibt für sich stehen. Das hätte man sich sparen können.

Ein erneuter The Theory of Everything ist Breathe nicht, da sind die beiden Filme om Sachen Glaubhaftigkeit zu weit auseinander. Robert Richardson gelingen als Kamermann aber einige tolle Shots: nicht nur die Sonnenuntergänge hinter Garfield und Foy, sondern unter anderem eine äusserst gelungene Wechselperspektive von Untersicht und Aufsicht, welche perfekt den Moment einfängt, als Cavendishs Leben eine entscheidende Wendung nimmt. Tolle Arbeit also auch hinter der Kamera!

/ yab