Brawl in Cell Block 99 (2017)

Brawl in Cell Block 99 (2017)

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  2. 132 Minuten

Filmkritik: Ein Comedian lässt die Fäuste sprechen

74. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2017
Ich war schon immer mehr der Schläger-Typ.
Ich war schon immer mehr der Schläger-Typ. © Studio / Produzent

Bradley Thomas (Vince Vaughn) ist am Tiefpunkt seines Leben angekommen. Zuerst verliert er seinen Job als Automechaniker und dann findet er heraus, dass ihn seine Ehefrau Lauren (Jennifer Carpenter) betrogen hat. Nach einem üblen Ausraster kehrt Ruhe ein: Er versöhnt sich mit seiner Frau, nimmt das Angebot eines Freundes an und arbeitet fortan als Drogenkurier. 18 Monate später boomt das Geschäft, Lauren ist hochschwanger und alles scheint für einmal richtig zu laufen.

Klein und gemein
Klein und gemein © Studio / Produzent

Als er sich aber zu einem riskanten Plan überreden lässt und mit zwei fremden Verbündeten Schmuggelware aus dem Meer fischen sollte, geht alles schief und er gerät im Feuergefecht zwischen die Fronten seiner vermeintlichen Verbündeten und der Polizei. Er wird festgenommen und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis wird er darüber informiert, dass seine Frau entführt worden ist und er für ihre Freiheit einen bestimmten Typen im gefährlichen Zellblock 99 töten muss.

Dodgeball, Wedding Crashers, The Internship... - man könnte die Liste noch endlos weiterführen: Vince Vaughns Vergangenheit gehörte typischen Hollywood-Komödien, in denen er oft die etwas zu gross geratene Dumpfbacke spielen durfte. In S. Craig Zahlers Brawl in Cell Block 99 scheint der 47-jährige Amerikaner wie verwandelt und prügelt als bulliger und tätowierter Glatzkopf für einmal Gefängnisinsassen und deren Wärtern die Zähne aus dem Gesicht. Für Zartbesaitete ist der überlange Actionfilm mit vielen derben Fights garantiert nichts, Genrefans dagegen werden ihre Freude daran haben und die letzte halbe Stunde gar vergöttern.

Nach seinem blutig-guten Western Bone Tomahawk waren die Erwartungen an S. Craig Zahlers Zweitlingswerk gross. Als dann bekannt wurde, dass der Film den vielversprechenden Namen Brawl in Cell Block 99 trägt und mit Vince Vaughn in der Hauptrolle die vielleicht grösste Verwandlung des Jahres bereithält, spürte man auch am Filmfestival in Venedig die Vorfreude auf dieses Actionspektakel.

Genreliebhaber und Fans des Debüts dürfen aufatmen: Brawl in Cell Block 99 ist das erwartete Slow-Burner-Gorefest und gibt sich in Sachen Gewaltdarstellungen keine Blösse. Wer mit zertretenen Köpfen also nicht viel anfangen kann und Vince Vaughn lieber Hochzeiten als Knochen "crashen" sieht, sollte einen Bogen um diesen bösen Actioner machen.

Auch in seinem zweiten Film lässt sich Zahler enorm viel Zeit und baut die Härte und Spannung progressiv auf. Bereits am Anfang wird klar, dass Hauptfigur Bradley ein ordentliches Aggressionsproblem hat und mit seinen Fäusten alles zu Brei hauen kann. Vince Vaughn spielt kein böses Biest, sondern einen Mann, der die Balance aus Kontrolle und Wut mit laufender Spieldauer immer mehr aus den Augen verliert. Die kontrastreichen und überbelichteten Bilder wirken dabei fast schon surreal.

Diese innere Uhr, die in Vaughns Mimik immer wieder deutlich zu erkennen ist, ist ebenso hervorragend gespielt wie seine vereiste und ungelenke Art. Sein Humor, der sich oft auf funktionierende Oneliner beschränkt, und seine Herzensgüte, die er einzig und allein für seine Frau und sein ungeborenes Kind übrig hat, lassen den grimmigen Kerl aber irgendwie doch sympathisch wirken. Auch wenn es oft den Anschein macht, als hätte man aus Vince Vaughn Vin Diesel gemacht, ist dem Schauspieler die "Verwandlung des Jahres" geglückt. Vince Vaughn als zukünftiger Actionhero; ein Neuanfang? Bitte, gerne!

Der Plot des Films stützt sich fast komplett auf das simple "Damsel-in-Distress-Handbuch": Die souverän, aber nicht auffällig aufspielende Jennifer Carpenter (Dexter) wird von einem kompromisslosen Schutzengel "beschützt". In der letzten halben Stunde wird Brawl in Cell Block 99 seinem Namen gerecht und lässt Vince Vaughn Knochen brechen und Köpfe zermantschen, als wären es Äste und Melonen. Dennoch bleibt dieses Ende ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite hat Zahler damit seine Pflicht erfüllt und seine gewalthungrige Fanbasis zufrieden gestellt, doch auf der anderen Seite macht dieser überbordende Showdown nie wirklich Sinn und wiederholt sich mit seinen ähnlich vonstatten gehenden Fights zu oft.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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Teaser Englisch, 01:40