Blue My Mind (2017)

Blue My Mind (2017)

  1. 97 Minuten

Filmkritik: Something's fishy.

13. Zurich Film Festival 2017
Mia scheint ein ganz gewöhnliches Mädchen zu sein...
Mia scheint ein ganz gewöhnliches Mädchen zu sein... © Frenetic Films

Mia (Luna Wedler) zieht mit ihrer Familie um. Sie ist nun die Neue, die erst Anschluss finden und sich in der Klasse einleben muss. Dort gibt es eine Clique der "Coolen", mit deren Anführerin sich Mia anzufreunden beginnt. Um vollends akzeptiert zu werden, beginnt sie zu trinken und macht Spielchen um die ersten sexuellen Erfahrungen mit. Den Kontakt zu ihren entfremdeten Eltern blockiert sie mehr und mehr. Dass ihr ihre Mutter keine Antwort auf die Frage geben kann, weshalb es keine Fotos von ihr während der Schwangerschaft gebe, macht Mia zu schaffen und erweckt in ihr den Verdacht, nur adoptiert zu sein.

...welches jedoch ein dunkles Geheimnis mit sich trägt.
...welches jedoch ein dunkles Geheimnis mit sich trägt. © Frenetic Films

Mia beginnt sich zurückzuziehen, ausser wenn sie mit ihren neuen Freundinnen unterwegs ist. Mit diesen feiert sie Partys, begeht Raubzüge und tauscht sich über Jungs aus. Doch zunehmend fühlt sie sich seltsamer, ihr Heisshunger auf Fleisch und speziell rohen Fisch wird stärker, ihre Zehen beginnen zusammenzuwachsen und ihre Beine verändern sich. Die Veränderungen ertränkt Mia in einer Mixtur aus abenteuerlichem Ausbruch, Sex und Alkohol - bis sie nach auf der Klassenfahrt endgültig merkt, welche gravierende Verwandlung ihrem Körper bevorsteht.

Mit optisch eindrucksvollen Bildern, starken Kontrasten und diversen Farbfiltern schwankt Blue My Mind zwischen Coming-of-Age, Drama und Fantasy. Der junge Cast spielt überzeugend eine Generation "Yolo", die erste Erfahrungen macht mit Drogen, Sex und Alkohol. Aber Blue My Mind ist eben mehr als eine Charakterstudie von ungehorsamen Teens, sondern vielmehr die Suche eines Mädchens nach seinem eigenen Innersten. Einige absurde Szenen hinterlassen dabei auch Unverständnis bei den Zuschauern, welche sich noch so manchmal "What the fuck?" fragen dürften.

Mit einprägsamen Bildern und Motiven konfrontiert Kameramann Gabriel Lobos die Zuschauer in Lisa Brühlmanns Erstlingswerk Blue My Mind. Die Aufnahmen unterscheiden sich in zwei Phasen, welche zu den jeweiligen Situationen passen: Zunächst sind da Mias Zeiten der pubertären Engstirnigkeit, in denen sie ihre "Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!"- und "Eltern nerven!"-Phase hat, in sich selbst geht, alleine ist oder alleine gelassen werden möchte. Mia scheint hier einsam, teilweise verletzlich, aber auch stark und entschlossen. Diese Szenen weisen starke Kontraste auf, sind mit Blaufiltern unterlegt und vermitteln den Eindruck von Depression und Ausweglosigkeit.

Eine schöne Bildsprache, die einen starken Kontrast schafft zu Mias sozialen Momenten: Die Szenen mit ihrer Mädchenclique, für die sie beinahe alles machen würde, um dazuzugehören, sind dynamischer in der Aufnahme, dazu werden zumindest die Partys mit Filtern in warmen Farben wie Rosa oder Orange unterlegt. Hier wirkt die Hauptdarstellerin selbstbewusst und mutig, auch dies in Wirklichkeit in diesen Szenen viel weniger der Fall ist.

Der Film beginnt als normales Coming-of-Age-Drama über eine neue Schülerin, die Anschluss finden muss in einer neuen Klasse mit bereits bestehenden Cliquen. Sie will in diejenige, in der die coolen Kids sind, denn wer gehört schon gerne dem Loser-Club an wie in It? Um akzeptiert zu werden, lässt Mia schnell diverse Grundsätze fallen, denn Rauchen, Trinken, Raub und sexuelle Experimente gehören bei ihren neuen Freunden zum Alltag. Als Zuschauer fühlt man sich hier an Amateur Teens erinnert, mit dem Unterschied, dass das pubertäre Verhalten, der Sprachgebrauch und die Kleidung eher der heutigen urbanen Jugend entsprechen. Es wird selten die starre Maske älterer Filmemacher auf die Jugend aufgesetzt, welche propagieren will, wie die Jugend sei.

Was sich mit fortlaufender Dauer des Filmes immer mehr abzeichnet, wird im letzten Drittel bittere Realität: Dass mit Mia etwas nicht stimmen kann. Es folgt eine Wandlung, die nicht nur optisch durch ein zusätzliches Körperattribut, sondern auch inhaltlich abstrakt an Filme wie The Mermaid oder The Lure erinnert. Nur: Beide eben erwähnten Werke sind durch und durch absurd und nehmen sich selber nicht ernst. Blue My Mind hingegen ist eine sonderbare Mischung aus Fiktion, der Flucht vor der Welt durch die Transformation und einer sauber aufgebauten Geschichte des Erwachsenwerdens. Das Werk lässt etwas ratlos zurück, Erklärungen fehlen oder werden den Zuschauern selbst überlassen. Stellenweise erhält man gar regelrechten Body-Horror à la David Cronenberg (The Fly) geboten.

Überzeugend sind jedenfalls die Darsteller: Luna Wedler, die schon in Amateur Teens mitwirkte und bald auch in Flitzer zu sehen wird, als Mia und der restliche junge Cast agieren gekonnt, was auch an der sorgfältigen Charakterbildung des Drehbuchs liegen dürfte.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Kommentare Total: 2

yan

CH-Coming-of-Age-Drama mit Fantasy oder gar Horrorelementen. Die Story ist ganz okay, obwohl man schon Vieles einige Male gesehen hat. Die fantastische und zugleich weirde Entwicklung der Hauptdarstellerin ist dabei der einzig richtig interessante Aspekt an Blue My Mind. Ansonsten zeigt der Film viele überspitzte Stereotypen und ist als Genrefilm ein paar Jährchen zu spät, auch wenn er die Teenager von heute eigentlich ganz gut getroffen hat.

yab

Filmkritik: Something's fishy.

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