Le Voyageur (2016/I)

Le Voyageur (2016/I)

  1. 84 Minuten

Filmkritik: Das Leben, das Universum und der ganze Rest

"Hier habe ich mein Auto aber nicht geparkt."
"Hier habe ich mein Auto aber nicht geparkt." © Studio / Produzent

Am 5. September 1977 startet die Raumsonde Voyager 1 ihre Reise zur Erkundung der Planeten Jupiter und Saturn unseres Sonnensystems. An Bord der Sonde befindet sich die sogenannte "Golden Record". Die Datenplatte enthält neben einer Anleitung für ihre Abspielung noch Grussbotschaften in 55 Sprachen, ausgewählte Musik und Geräusche sowie 115 Bilder. Am wichtigsten ist vielleicht die Karte, die die Position unserer Sonne im Universum preisgibt. Heute sendet Voyager 1 immer noch zur Erde und ist seit 2012 das erste von Menschen gebaute Objekt, das in den interstellaren Raum vorgedrungen ist.

Nun ist die Raumsonde Voyager zur Erde zurückgekehrt und sendet merkwürdige Signale. Virginie (Julie Dray) wird von einem surrealen Traum heimgesucht und füllt sich von etwas nach Bulgarien gezogen. Im Nachtzug trifft sie auf ihren Vater (Gilles Tschudi), den sie sehr lange nicht mehr gesehen hat und der zeitweise komplett abwesend wirkt. Zusammen beginnen sie eine bizarre Reise durch das Land. Traum und Realität beginnen zu verwischen, während sie beide von der Vergangenheit eingeholt werden.

Sciene-Fiction oder doch nur ein surrealer Traum? Le Voyageur nimmt die Zuschauer mit auf eine bizarre Reise. Die Vater-Tochter-Geschichte überzeugt mit wenigen Dialogen. Eindrucksvolle Bilder und der Einsatz der Musik rücken dafür in den Vordergrund. Als Gegensatz zum unendlichen Weltall steht ein verwelkter Ostblockstaat, inhaltlich und visuell. Es ist ein reizvoller Film über existenzielle Fragen.

Die Kurzfilme von Regisseur und Drehbuchautor Timo von Gunten haben bereits einige Festivalpreise abgeräumt. Le Voyageur ist der erste Langfilm des Zürchers. Die Geschichte über die Rückkehr der Voyager-Sonde ist nicht neu, schon 1979 griff Star Trek die Thematik auf. Aber sie ist in jedem Fall interessant, denn die «Golden Record» wurde eigens für den Fall der Kontaktaufnahme entworfen. Von Gunten nutzt dieses übernatürliche Ereignis aber nicht für eine reine Science-Fiction-Story, die Beziehung zwischen Vater und Tochter steht klar im Vordergrund.

Die Geschichte beginnt mit Virginies surrealem Traum. Erinnerungen verschmelzen mit Ängsten, begleitet von einer unruhigen Kameraführung, schnellen Schnitten und lauten Geräuschen. Musik spielt eine wichtige Rolle im Film, Virginies Vater ist vom Beruf Dirigent. Schon Stanley Kubrick schaffte eine Verbindung zwischen klassischer Musik und dem Weltall. Ebenso ziehen sich die surrealen Elemente durch den Film. Später gibt es eine Szene, in der sich Lippen bewegen, ohne einen Ton von sich zu geben. Mehrfach wird eine gespenstische Atmosphäre erzeugt.

Die Reise von Virginie wirkt ziellos. Vereinzelnd trifft sie andere Menschen, scheitert aber am Bulgarisch. Sie wirkt oft hilflos, getrieben von einer höheren Macht. Mit ihrer weissen Haarsträhne hat sie selbst etwas Geisterhaftes an sich. Le Voyageur ist ein durchdachter Film, viele inhaltliche Elemente werden auch visuell umgesetzt. Es fehlt dem Roadtrip allerdings an Tempo und Spannung. Es gibt keine schönen Landschaftsaufnahmen von Bulgarien, die Schönheit findet ausschliesslich im Weltall statt. Und die dialogarmen Szenen zwischen Tochter und Vater steigern eher das Mysterium der Geschichte als den Unterhaltsungswert. Am Ende ist es ein grosses Puzzle, dessen Teile zwar zueinanderfinden aber nicht alle Informationen preisgeben. Wie bei Träumen und typisch für surreale Filme bleibt Raum für Interpretationen.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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