Unerhört Jenisch (2016)

Unerhört Jenisch (2016)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Obervazer Heimatkunde, Lektion 1

© Frenetic Films

Irgendwie sehnsüchtig, aber doch entschlossen spielt das Schwyzerörgeli und bleibt schliesslich auf einem Ton stehen. Da sitzt ein junger Mann mit Basecap und gepierctem Gesicht und lässt seine Finger über die Knöpfe seines Instruments fliegen. Harmonisch Moll, fremdartig, ist es sogenannte Zigeunermusik? Drängend, heimlich entfalten sich die Klänge. Schnell wird klar: Diese Musik hat einiges zu sagen.

© Frenetic Films

Dann ein Schnitt. Der Chansonnier Stephan Eicher geht in seiner leger verkrampften Art einer Mauer entlang, setzt sich auf eine Wiese und beginnt über die gehörte Musik zu sprechen. Die Zigeunermusik sei ihm irgendwie verschlossen gewesen, zu der Musik der Jenischen habe er jedoch von Anfang an Zugang gehabt. Und als man ihm sagte, er habe Wurzeln im musikliebenden, fahrenden Volk, erklärte das ihm endlich die vielen Geigen im Keller seines Vaters. Eine Spurensuche beginnt.

Die Regisseurinnen Karoline Arn und Martina Rieder scheinen ein Flair für die Jenischen zu haben. 2010 erschien ihr erster Film Jung und Jenisch, nun haben sie einen neuen Aufhänger für ein Porträt der Bevölkerungsgruppe gefunden: die Musik. Und die ist für die schwierig zu umreissende Gemeinschaft der Jenischen mindestens so bedeutend wie die Sprache. Als Jenische werden heute noch Nachfahren bestimmter meist fahrender Bevölkerungsgruppen bezeichnet, erfährt man. Greifbarer werden die diese Menschen verbindenden Attribute nicht, und auch über deren Entstehung gibt noch keine wissenschaftliche Erklärung Aufschluss. Hinter diesem geradezu mythischen Schleier bleiben sie auch im Film. Ihm gelingt es aber, da und dort einen Blick dahinter zu werfen, und er liefert teilweise verblüffende Einsichten.

Waser, Kessler oder Spengler heissen sie, im bündnerischen Vaz/Obervaz wurden 1856 Familien Moser und Kollegger eingebürgert, und wie ihre Ahnen spielen die meisten von ihnen virtuos Klarinette, Bassgeige oder das typisch jenische Instrument: das Schwyzerörgeli. Viel musiziert wird im Film, das ist erfrischend und verstörend zugleich, denn was man hier jeweils zu hören bekommt, sind beinahe schon stereotype «Hudigäägeler», also Schweizer Volksmusik par excellence. Ausgelassen getanzt wird in den Beizen zu der Musik der Obervazer Töbelifäzer, Bündner Spitzbueba, Moser Buaba oder Vazer Buaba. Allesamt spielen sie eine immense Rolle im Gemeinschaftsleben, allesamt sind sie jenischen Ursprungs.

Doch darüber reden will kaum einer. In Vaz/Obervaz, worauf der Film seinen Fokus legt, wird die Bezeichung "jenisch" noch heute als schlimme Beleidigung aufgefasst, und die Interviewten scheinen oftmals leicht verklemmt. Zu fest prägte sie die Geschichte ihrer Stammväter. So bringt Unerhört Jenisch zwangsläufig die Gräueltaten des rassistischen Separatismus zur Sprache, die die Jenischen ereilte und bis vor wenigen Jahrzehnten noch dazu führte, dass (Klein-)Kinder der Familie ohne Begründung weggenommen und aufs Übelste misshandelt wurden. Man schluckt leer, fühlt sich betroffen und bisweilen sogar etwas schuldig.

Höchste Zeit also, dass man darüber spricht. Umso mehr, als Unerhört Jenisch schliesslich verkündet, dass wesentliche Fundamente der Schweizer Volksmusik von der jenischen Musik abstammen. Mit leicht moralisierendem Unterton wird zwar die Opferrolle der Jenischen erneut bemüht, dann aber springt der Film wieder in die Gegenwart, und ungerechtfertigtes Schuldbewusstsein transformiert sich zur berechtigten Verbundenheit mit dieser faszinierenden Bevölkerungsgruppe.

Das Schwyzerörgeli begleitet die Nachfahren der Jenischen überall hin: in die Küche, auf die Strasse, in die Vergangenheit. Mit der Musik erinnern sich die Jenischen («Ja, das hat Grossvater immer gespielt!»), und allmählich fallen die Hemmungen. Gerade die schweizerische Barden-Ikone Stephan Eicher erzählt frisch und frei von seinem Eindruck seiner jenischen Wurzeln und drängt sich, obgleich Leuchtturm und Magnet des Films, nie in den Vordergrund, während sein Bruder Erich die Stammbücher des Nationalarchivs in trockener, aber spannender Manier durchkämmt. Die jenische Musik ist überall, und sie ist tief in uns allen. Unerhört Jenisch entlässt einen mit einer neugewonnenen, tiefen Sympathie für diese wortwörtlich (noch) unerhörte Kultur.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Schweizerdeutsch, 02:07