Under the Shadow (2016)

Under the Shadow (2016)

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  3. 84 Minuten

Filmkritik: Dorsa the Explorer

NIFFF 2016
Allein in Teheran
Allein in Teheran © Studio / Produzent

Teheran in den Achtzigerjahren: Die junge Shideh (Narges Rashidi) versucht ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten während der islamischen Revolution wird ihr der erneute Zugang zur Universität allerdings verwehrt. Zu Hause warten ihre Tochter Dorsa (Avin Manshadi) und ihr Ehemann Iraj (Bobby Naderi), der als Arzt arbeitet. Shidehs Unzufriedenheit mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter ist allerdings das kleinere Problem für die junge Familie.

Dorsa und ihre Puppe
Dorsa und ihre Puppe © Studio / Produzent

Der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran hat auch Teheran erreicht. Immer wieder versammeln sich die Bewohner des Hochhauses im Keller zum Klang des Bombenalarms. Die Lage verschlimmert sich noch, als Iraj an die Front abkommandiert wird. Shideh und Dorsa sind auf sich gestellt, während immer mehr Menschen aus der Stadt fliehen. Langsam beginnen die Schrecken des Krieges damit, sich auch in einer übernatürlichen Form zu manifestieren.

Under the Shadow ist ein starkes Debütwerk, das auf einen autobiografischen Hintergrund zurückgreifen kann. Der Übergang zwischen Familiendrama und Horror ist fliessend, es gibt keinen inhaltlichen Bruch. Die authentische Geschichte ist spannend inszeniert und profitiert von einer guten Hauptdarstellerin. Für eine angenehme Abwechslung im Genre sorgen die regionalen Mythen, auf die der Film sich bezieht.

Babak Anvari hat den Irak-Iran-Krieg als Kind miterlebt. Der heute in London lebende Regisseur betont zwar, dass der Film nicht autobiografisch sei, jedoch einige persönliche Elemente enthalte. In Interviews erzählt er, dass auch er nachts nicht schlafen konnte und Angst vor der Dunkelheit hatte. Die starke persönliche Motivation hinter seinem ersten Spielfilm sorgt für eine spürbare Authentizität. Während Under the Shadow in diesem Jahr auf dem Sundance Film Festival seine Premiere feierte, ist eine Aufführung in Anvaris Heimat, dem Iran, leider sehr unwahrscheinlich.

Zu Beginn erlebt man ein Drama über eine Frau, für die sich die Gesellschaft ihres Landes gerade zum Schlechteren wandelt. Anstatt ihren Traum, Ärztin zu werden, fortzusetzen, wird sie zurück in die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt. Man sieht an vielen Stellen die Offenheit, die die islamische Revolution langsam verdrängt. Shideh hatte vor ihrer Schwangerschaft bereits Medizin studiert, in ihrer modern eingerichteten Wohnung trägt sie kein Hijab und in ihrem Videorekorder befindet sich ein Aerobicvideo von Jane Fonda. Shideh ist eine selbstbewusste, starke Frau.

Ein Junge aus dem Haus, der seine Eltern verloren hat, erzählt Dorsa Gruselgeschichten über Dämonen und Geister. Die nächtlichen Bombardierungen auf die Stadt werden häufiger, Shideh wird von Albträumen geplagt und plötzlich verschwinden Gegenstände aus der Wohnung. Der Horror wird bewusst langsam aufgebaut, es ist ein schleichender Prozess, der dem Verhältnis zwischen Mutter und Kind zusetzt. Dabei sind weder die Grundidee der Geschichte noch die stilistischen Mittel, die Anvari einsetzt, neu, sie funktionieren allerdings innerhalb der beklemmenden Atmosphäre sehr gut. Es ist erstaunlich, was man alles mit Fensterscheiben und knallenden Türen inszenieren kann, ohne gänzlich auf Genrekonventionen zu verzichten.

Under the Shadow ist politischer Horrorfilm, er ist voller Symbole und bietet jede Menge Interpretationsansätze, die aber nicht alle wahrgenommen werden müssen. Die Schrecken des Krieges sind auch ohne Kenntnisse über die gesellschaftliche Lage im Iran greifbar. Am Ende ist es eine Mutter, die alles dafür tut, um ihr Kind zu beschützen. Vor einem Horror, der realer nicht sein könnte.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Trailer Originalversion, mit englischen Untertitel, 02:07