Toni Erdmann (2016)

Toni Erdmann (2016)

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  3. 162 Minuten

Filmkritik: Why so serious?

69e Festival de Cannes 2016
Fifty Shades of Toni
Fifty Shades of Toni © filmcoopi

Winfried Conradi (Peter Simonischek) ist ein Spassvogel. Einer, der auch mal gerne Pöstler mit Verkleidungen veräppelt oder als Toter geschminkt an die Verabschiedung eines Berufskollegen geht. Winfried nimmt das Leben nicht so ernst, sondern nutzt jede Gelegenheit, sich falsche Zähne einzusetzen und Witze zu reissen. Das komplette Gegenteil ist seine Tocher Inés (Sandra Hüller). Sie hat Karriere gemacht und steht bei einer Unternehmensberatung vor dem Abschluss eines wichtigen Auftrags. Da sich dieser Auftrag in Bukarest abspielt, sieht sie kaum ihren Vater, von dem sie sich immer mehr entfremdet. Doch ist dies nicht etwas, das falsche Zähne und etwas Humor nicht heilen könnten, oder?

Der Bruder von Horst Schlämmer
Der Bruder von Horst Schlämmer © filmcoopi

Winfried beschliesst, einen Monat freizunehmen und reist nach Bukarest, um das Band zwischen ihm und Inés zu stärken. Doch ihr Blödelbarden-Vater ist das Letzte, was die gestresste Inés nun brauchen kann, und so schickt sie ihn nach einem misslungenen Businessabend wieder nach Hause. Doch Winfried gibt nicht so einfach auf. Er setzt sich seine falschen Zähne ein und eine Perücke auf und gibt sich in Inés' Umfeld als Botschafter Toni Erdmann aus. Das kann ja heiter werden.

Auch wenn 162 Minuten deutlich zu lange sind, ist Toni Erdmann ein berührender und vor allem unglaublich lustiger Film über eine angeknackste Vater-Tochter-Beziehung. Wie sich Vater Winfried für seine "Kleine" zum Affen macht, ist oft zum Brüllen komisch. Dank zwei toll aufspielenden Hauptdarstellern driftet der Film aber nie ins Lächerliche, sondern behält sich sein Herz.

Nachdem die deutsche Regisseurin Maren Ade in ihrem an der Berlinale ausgezeichneten Film Alle anderen die zerbrechliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau thematisiert hat, dreht sich auch ihr neuster Film um Gefühle zwischen zwei Menschen. In Toni Erdmann geht es um die Liebe zwischen einem Vater und seiner Tochter, die sich immer mehr entfremden. Dies klingt nun nach einem schweren Drama, das mit 162 Minuten auch schmerzhaft lang scheint. Jedoch überrascht die Regisseurin mit einer ordentlichen Portion Humor, ohne dabei die Szenerie ins Lächerliche zu ziehen. Damit wird der Film zur äusserst angenehmen Überraschung.

Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin. Protagonist Winfried scheint dies voll zu glauben, und so kann man ihm gar nicht böse sein, wenn er sich vor seinem "Mädchen" zum Affen macht. Er bringt ihr Medizin, die ihr im ersten Moment nicht so gut schmeckt, aber der Effekt danach ist wunderbar. Peter Simonischek spielt diese Witzmaschine als knuddeligen Teddybär mit einem grossen Herzen, hinter dessen Vorhang der Blödeleien auch eine Traurigkeit zu sehen ist. Winfried ist geschieden, sein Hund ist gestorben und auch sonst scheint eher meist alleine zu sein. Eine ganz feine Performance von Simonischek.

Wenn sich Winfried nach gut 45 Minuten zum ersten Mal als Toni Erdmann ausgibt, kommt man zuerst aus dem Staunen und dem Lachen gar nicht heraus. Das Ganze ist so absurd. Erdmann sieht aus wie der Bruder von Hape Kerkelings Figur Horst Schlämmer. Da Tochter Inés (Sandra Hüller mit einer ebenfalls starken Leistung) mitspielt, kann Winfried sich voll entfalten und Inés' Berufskollegen jeden Gugus erzählen, der ihm einfällt. Dies ist unglaublich lustig.

Dagegen fällt der Rest des Filmes ein wenig ab. Das langsame Auftauen der eiskalten Geschäftsfrau ist im Gegensatz halt nicht so spannend zu verfolgen. Auch werden da immer wieder die 162 Minuten spürbar. Doch am Ende fühlt sich der Film als Ganzes einfach zu gut an, als dass man ihm für seine Länge böse sein könnte. Winfrieds Magie scheint sich auch auf den Zuschauer übertragen zu haben. Auch ein paar WTF-Nacktszenen zum Trotz, ist Toni Erdmann ein Film zum Gernhaben. Noch selten wurde eine solche Vater-Tochter-Kiste mit so viel Schenkelklopfern erzählt. Haben wir schon erwähnt, dass in diesem überaus feinfühligen Film ein Furzkissen vorkommt? Dass Maren Ade diesen Balanceakt meistert, verdient Respekt.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 3

Conor

Titel, Plot, Trailer und Filmlänge gehen gar nict. Einziger Lichtblick; das Plakat. Warum nur finden alle diesen Film so gut? Nur allzu recht. Eine der grössten und sehenswertesten Überraschungen seit es den deutschen Film gibt. 162 Minuten lang immer nur fast zu scheitern und damit durchzukommen ist eine grosse Kunst und vor allem den beiden Hauptdarsteller geschuldet.

sma

Der Filmkritiker David Ehrlich, der nicht in Cannes war, hat seine Kritik zu Toni Erdmann begonnen mit "It's true. All of it." Was ich sehr charmant finde.
Eine deutsche Komödie, für die man sich nicht schämen muss. Überhaupt wird in diesem Jahr der Aufwärtstrend des deutschen Films fortgesetzt.
Maren Ades dritter Langfilm ist eine tiefgründige Tragikkomödie, die handwerklich hervorragend ist und mit zwei starken Hauptdarstellern überzeugt. Die Länge von 162 Minuten merkt man dem Film zu keiner Zeit an. Ich musste oft schmunzeln und ein paar Mal lachen, die tragischen Momente bleiben mir aber stärker in Erinnerung. Bei den Hauptrollen hat mir Sandra Hüller noch besser gefallen als Peter Simonischek. Die Geschäftsleute in den Nebenrollen sind dann wieder die typischen deutschen Schauspieler. Aber das passt auch zum Blick, den der Film auf die Wirtschaft wirft. Die Kameraführung ist so konsequent und interessant, die gleiche Konsequenz hat man beim Einsatz der Musik. Die Dialoge sind voller Charm und Witz, nicht jedes Thema wird offen angesprochen und für den Zuschauer auserzählt. Wer möchte, denkt mit. Man kann sich aber auch nur an der bizarre Beziehungsdynamik erfreuen und sieht trotzdem einen sehr guten Film. Ich mag den Begriff Meisterwerk eigentlich nicht so gerne, für Toni Erdmann darf ihn aber gern jeder benutzen.

crs

Filmkritik: Why so serious?

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Trailer Deutsch, 01:41