Tamara y la Catarina (2016)

Tamara y la Catarina (2016)

  1. 107 Minuten

Filmkritik: Little ladybug

12. Zurich Film Festival 2016
Herr Polizist, wir haben ein Kind zu viel.
Herr Polizist, wir haben ein Kind zu viel. © Studio / Produzent

Tamara (Ángeles Cruz) hat eine leichte geistige Behinderung und lebt alleine in einem kleinen Häuschen am Hang von Mexico City. Wie viele andere gehört sie der Unterschicht an. Ohne grosse finanzielle Mittel lebt sie ein einfaches Leben. Ein Job in einem Café in der Stadt hilft ihr, über die Runden zu kommen, den Alltag zu meistern und vor allem, nicht zu sehr einsam zu sein. Zwischendurch erhält sie Besuch von ihrem Bruder Paco (Harold Torres). Sie sammelt leidenschaftlich Marienkäfer-Gegenstände und hält sich als Haustiere einige Eidechsen.

Eines Tages, während einer Essenspause auf der Arbeit, entdeckt sie in der Stadt unten ein kleines, unbeaufsichtigtes Mädchen. Kurzentschlossen nimmt sie Catarina (Marienkäfer), wie sie sie tauft, mit nach Hause, in der Absicht, dem Kind Liebe zu geben. Dass die Versorgung eines Kindes jedoch ungemein schwieriger ist als diejenige eines Haustieres, muss Tamara bald feststellen. Bald erhält sie Hilfe von der netten älteren Nachbarin Frau Meche (Angelina Peláez), welche sich schlussendlich um Tamara und Catarina kümmert. Nur, vermisst denn niemand dieses Kind?

Ein dreckiges, unästhetisches Drama: Hart, was den Umgang mit heiklen Themen angeht, kein Blatt vor den Mund nehmend, zeigt Tamara y la Catarina den Alltag einer invaliden Frau in Mexico City. Solche Dramen kommen oft aus Süd- oder Lateinamerika. Ein unverwechselbarer Stil, welcher stets die Unterschicht behandelt, wurde dort entwickelt, den bereits La jaula de oro, Las horas muertas, Las elegidas und viele weitere Filme geprägt hat. Sehenswert!

Tamara y la Catarina stammt von der Regisseurin Lucia Carreras, welche ebenfalls am fantastischen La jaula de oro mitgeschrieben hat. Es ist ihr neustes Werk, welches sie nicht nur schrieb, sondern dabei auch gleich noch Regie führte. Während der 107 Minuten Laufzeit bekommt der Betrachter die Geschichte der leicht invaliden Tamara erzählt. In tristen, monotonen Bildern der Grossstadt Mexico City findet man sich wieder, kein Glanz, kein Prunk und Protz, sondern ärmliche, kleine Häuser in staubigen Strassen.

Die Story wird ganz im mittel- und südamerikanischen Stil erzählt: Es gibt kein grosses Gerede um den heissen Brei, sondern harte, ungeschönte Fakten und Realitäten. Schonungslos, sogar unschön, auf keinen Fall ästhetisch oder herausgeputzt sind die Bilder. Ganz im Gegensatz zu Hollywood scheut man sich hier nicht davor, die Hässlichkeit als solche abzubilden. Einen grösseren Gegensatz zwischen Nord- und Südteil des Kontinents könnte es kaum geben.

Die schmerzhaften Themen werden angesprochen und gezeigt wie hier die Behandlung von invaliden Menschen durch die Gesellschaft. Keinen Schutz und kein Mitleid darf Tamara erfahren, im Bus wird sie beschimpft, die Menschen erniedrigen sie tagtäglich. Es sind keine körperlich verletzenden Erniedrigungen, welche sie hinnehmen muss, vielmehr Worte und Blicke. Dennoch nimmt sie es mit einer Gelassenheit hin. Für Tamara ist ihr Leben in Ordnung, sie hat einen Job, kann alleine wohnen, sammelt leidenschaftlich alles, was mit Marienkäfern zu tun hat und hält sich als Haustiere einige Eidechsen. Ein einfaches und einsames Leben, aber voller Zufriedenheit, solange die tägliche Routine nicht gestört wird.

Das ändert sich spätestens mit der spontanen Idee von Tamara, dem kleinen, süssen Mädchen, welches sie in der Stadt unbeaufsichtigt findet und Catarina, also Marienkäfer, tauft, ein Zuhause bieten zu wollen. Dass die geistig beeinträchtigte Frau damit keine Erfahrung hat, ist schnell zu sehen, umso liebevoller lernt sie aber den Umgang mit dem Kind durch die Nachbarin, Frau Meche, welche sich ihrer und des Kindes annimmt. Es entsteht eine herzliche Wärme und Liebe zwischen Tamara und Catarina, welche das Loch der Einsamkeit in Tamara zu füllen scheint.

War die erste Filmhälfte emotional doch ziemlich kühl, gleicht die zweite dies dann aus. Es entstehen jedoch einige Längen, vor allem in der Filmmitte. Viel Handlung findet sowieso nicht statt, der Film begleitet einfach Tamara dabei, wie sie alltägliche Lebenssituationen erledigt. Beinahe kein Soundtrack, einige eingefügte Stimmungsgeräusche und viel Stadtlärm, schmutzige, wahrhafte Bilder und Aufnahmen prägen das audiovisuelle Filmerlebnis. Schön und unterhaltsam will Tamara y la Catarina nie sein, muss er aber auch nicht.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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