Sully (2016)

Sully (2016)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Kommt ein Vogel geflogen...

Run, Sully, run!
Run, Sully, run!

Es ist ein gewöhnlicher Januarnachmittag in New York City. Taxis hupen, Businesspeople hängen an ihren Handys, Flugzeuge steigen über der Skyline empor. Über 20 Millionen Passagiere jährlich heben alleine vom Flughafen La Guardia im Norden der Metropole ab. Für 155 von ihnen markiert ihr Flug mit US Airways "Cactus" 1549 der Start in ein zweites Leben.

Nicht nur in Cactus 1549 sitzt man wie auf Nadeln.
Nicht nur in Cactus 1549 sitzt man wie auf Nadeln.

Der Airbus ist noch keinen Kilometer gestiegen, als ein Schwarm Kanadagänse das Flugzeug komplett lahmlegt. Beide Triebwerke sind ausgefallen, eine sofortige Notlandung ist unausweichlich. Captain Chesley "Sully" Sullenberger (Tom Hanks) entscheidet sich binnen Sekunden zur Notwasserung im Hudson River. Ein Flugzeug tief über Manhattan - New York hält die Luft an. Doch Sully gelingt das Meisterstück. Er wendet die Katastrophe ab, alle Menschen überleben und bleiben ohne grössere Verletzung. Das "Miracle on the Hudson" ist perfekt, er und Co-Pilot Jeffrey Skiles (Aaron Eckhart) werden als Helden gefeiert. Doch die Verkehrsbehörde National Transportation Safety Board (NTSB) schaut sich den Fall nochmals genau an und kommt zu einem verheerenden Schluss: Sully hat seine Passagiere nicht gerettet, sondern in höchste Gefahr gebracht.

Sully schildert in packender und dramaturgisch einwandfreier Manier die Geschehnisse um das «Miracle on the Hudson». Aus verschiedenen Perspektiven wird knapp und verständlich, aber ganz ohne Hektik nachempfunden, was die Beteiligten durchlebt haben. Justizkrimi wird mit dem Katastrophengenre vereint und mit Elementen des Thrillers versetzt. Sullys Entscheidungen aus dem Nichts werden in ihrer ethischen und rechtlicher Tragweite geschildert, und es wird klar Position gegenüber den Absurditäten des Rechtssystems bezogen. Ein sehenswerter Film nicht nur für Aviatikfreaks.

Fassungslos schaut man zu, wie der von jedermann als Held gefeierte Sully gegen die Mühlen der Justiz ankämpft. Eine beklemmende Atmosphäre macht sich breit, erbarmungslos starren die Vertreter des NTSB die Argumentation der beiden Piloten nieder. Es war eine Landung, beteuern diese. Nein, es war ein Crash, sagen jene. Unmenschlich scheint ihr Verhalten, doch so läuft's nun mal, wenn die Versicherung nicht zahlen will. Sully droht ein völliger Gesichtsverlust. Willkommen auf der Schattenseite des Heldentums - ohne die es notabene kein Heldentum gäbe.

Was ging nun genau vor an diesem 15. Januar 2009? Auf den kurzatmigen Block des Justizprozesses folgt die minuziöse Nachzeichnung der Ereignisse des kurzen US-Airways-Fluges 1549. Etwas unoriginell wird das ganze Unbekümmertheit-Setting aufgebaut: Die Passagiere führen Smalltalk, die Piloten lassen Sätze fallen, die im Nachhinein geradezu übersarkastisch daherkommen, und natürlich dürfen auch diejenigen nicht fehlen, die im letzten Moment fatalerweise in den Flieger steigen.

Doch je berechenbarer der Film wird - man weiss ohnehin über den Ausgang der Ereignisse Bescheid -, desto spannender wird er. In Erwartung der Katastrophe läuft der Film zur Hochform auf. Die Vervielfachung der Perspektive produziert eine unentrinnbare Anspannung, und was Bildtechnik leisten kann, versetzt in Faszination. Die Landung im Hudson, Sullys Flashbacks oder die kühle Januaratmosphäre sind schlichtweg grossartig umgesetzt. Regisseur Clint Eastwood (Jersey Boys, American Sniper) erfindet das Genre nicht neu, aber er setzt ihm die Krone auf.

Wie auch Sully etwas unfreiwillig in den alleinigen Fokus der Öffentlichkeit gerutscht ist, scheint es auch Tom Hanks (A Hologram for the King, Inferno) nicht ganz recht, derart viel Platz einzunehmen. Doch sein Schauspiel hat Methode. Er trumpft in seiner Paradedisziplin, einen ganz gewöhnlichen Menschen zu spielen, gross auf. Er ist ein Held, der kein Held sein will. Als Grossmeister des Understatements weiss Hanks, hinter Banalitäten abgrundtiefes Drama zu verstecken. «This is the captain. Brace for impact», heisst es und da liegt der ganze Film drin. Pathosfrei sitzen solche Sätze perfekt, die jeder andere tausende Male wiederholen könnte, ohne auch nur an die ergreifende Tiefe der Hanks'schen Lakonie heranzukommen.

So verschlingt Hanks' Präsenz auch die eher etwas zu kurz geratenen Auftritte Aaron Eckharts (London Has Fallen) oder Mike O'Malleys (Eat, Pray, Love) nicht. Sully ist ein dokumentarisch motivierter ethischer Diskurs über eine Beinahe-Katastrophe, das in einfacher, verständlicher Sprache und mit konziser Dramatik Gänsehaut garantiert - und das nicht nur in den Triebwerken des Airbus 320.

/ arx

Kommentare Total: 3

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Ein grossartiger Film, den Clint Eastwood hier aus einem relaen Stoff gemacht hat. Präzise zeichnet er das Geschehen nach, das so nie in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Eastwood lässt aber die NTSB gar etwas schlecht aussehen, leisten Sie doch meist sehr gute Arbeit - wenn man die Dokus "Mayday - Alarm im Cockpit" anschaut, glaubt man das wenigstens.

Nicht destotrotz ist aus dem bestens bekannten Ereignis ein sehr spannender Film geworden, der gar nicht in der Reihenfolge abläuft, wie ich es erwartet hätte. Aber ich finde Eastwood hat alles richtig gemacht. Wie auch die Schauspieler, allen voran natürlich Tom Hanks (hat der jemals schlecht gespielt?), aber auch sämtliche Nebenrollen machen ihre Sache hervorragend.

Auch technisch mag der Film zu begeistern. Die Effekte sind da, weil es sie braucht. Die Notwasserung, die Rettung, alles einwandfrei umgesetzt. Von den 92 Minuten ist keine einzige langweilig. Das ist fabelhaft und keinesfalls selbstverständlich. Eastwood versteht sein Handwerk, dass muss man ihm einfach lassen.

arx

Filmkritik: Kommt ein Vogel geflogen...

muri

Authentisch, spannend, stark gespielt und mitreissend. Tolle Arbeit über eine Heldentat, die man eigentlich in den Himmel loben sollte, die aber im Film dramatisch hinterfragt wird.

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