Stille Reserven (2016)

Stille Reserven (2016)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Wenn einen der Tod teuer zu stehen kommt

12. Zurich Film Festival 2016
Vincents Aufgabe besteht darin, Todesversicherungen abzuschliessen
Vincents Aufgabe besteht darin, Todesversicherungen abzuschliessen © Studio / Produzent

Das Wien von morgen ist dunkel, dreckig und von einem totalitären System geführt. Ein Versicherungskonzern verkauft Todesversicherungen. Wer genug bezahlt, darf sterben. Hat jemand nicht genug Geld, wird sein Körper nach dessen vermeintlichem Tod weiter am Leben gehalten, damit er einen ökonomischen Wert behält. So dienen "tote" junge Frauen als Leihmütter oder intelligente alte Männer als Visionäre, deren Gedanken angezapft werden.

Vincent Baumann (Clemens Schick) arbeitet für genannte Versicherung. Seine Aufgabe besteht darin, auf Kundenfang zu gehen und Todesversicherungen abzuschliessen. Eines Tages führt ihn seine Tätigkeit in die Parallelgesellschaft beziehungsweise in Gegend der Armen, wo er es mit rebellischen Aktivisten zu tun kriegt. Diese setzen sich für das Recht auf Tod ein. Eine davon ist Lisa Sokulova (Lena Lauzemis). Ihr sollte Vincent eine Versicherung andrehen. Aber es kommt alles anders. Und komplizierter.

Dystopien sind vor allem in Hollywood sehr beliebt. Besonders in Form von Jugendromanverfilmungen. Nun hat sich der Österreicher Valentin Hitz dem Genre gewidmet. Und siehe da: Stille Reserven enthält alle Merkmale, die eine gelungene Dystopie enthalten muss: dunkel, dreckig und zum Fürchten. Leider enthält der Film zu viele Leerstellen und inhaltliche Unklarheiten, die das Filmvergnügen trüben.

Es gibt Filme, bei denen nicht klar wird, weshalb sie den Titel tragen, den sie haben. Bei Stille Reserven ist dies nicht der Fall. So bezieht sich der Begriff der stillen Reserven primär auf nicht ersichtliche Bestandteile des Eigenkapitals in der Bilanz. Damit könnten im Film die postmortalen Eigenschaften und Fähigkeiten menschlicher Körper gemeint sein, die weiterhin einen ökonomischen Wert haben. Auch in seiner wortwörtlichen Bedeutung trifft der Ausdruck stille Reserven auf die am Leben erhaltenen Körper zu: Zum einen dienen sie als Reserve für Notfälle, zum Beispiel dienen die Körper junger Frauen als Leihmütter. Zum anderen sind die Körper still, geben also keinen Ton von sich. Über die Titelwahl kann somit nicht geklagt werden.

Auch die Thematik der Dystopie hat ihre Berechtigung. Grundsätzlich stellt dieses Genre ein Gedankenexperiment dar, in welchem negative Zukunftsvisionen ergründet werden können. Bei Stille Reserven funktioniert dies tadellos. In einer Zeit, in der Geld die Welt regiert, stellt der Film die Frage, wie weit wirtschaftliches Interesse gehen darf.

Allein das Gesicht von Vincent Baumann spricht diesbezüglich Bände. So lange er seine Pillen schluckt, welche Emotionen unterdrücken, handelt und denkt er rational, berechnend und kaltblütig. Sobald die Wirkung der Medikamente nachlässt, erweicht ihn bereits ein gesungenes Lied von einer Frau. Allein seine Mikrobewegungen einzelner Gesichtsmuskel verdeutlichen seine Gedanken und Überlegungen.

Zwar hat Valentin Hitz so eine gute Grundlage für den Film geschaffen, leider gelingt es ihm aber nicht, aus einem guten einen sehr guten Film zu machen. Woran liegt's? Natürlich darf ein Film, analog zu einem gedruckten Text, Leerstellen aufweisen. Leider finden sich in Stille Reserven zu viele davon. So bleibt den Zuschauern beispielsweise unklar, wie Wien zu einer solch düsteren Stadt geworden ist oder weshalb positive Emotionen der Bürger nicht erwünscht sind. Dies wäre soweit noch in Ordnung. Bei anderen Dystopien wie The Hunger Games, The Maze Runner oder Divergent ist dies nicht anders.

Das weitaus grössere Problem besteht in inhaltlichen Unklarheiten. Die wichtigste von allen handelt von der Frage, weshalb sich die Aktivisten daran stören, dass Körper am Leben gelassen werden? Leiden die betroffenen halbtoten Menschen, oder geht es den Rebellen nur ums Prinzip? Die Beantwortung dieser Frage wäre dringend notwendig, um die moralische Relevanz des Themas zu verdeutlichen und vor allem, um den Film besser verstehen zu können.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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