Stefan Zweig: Farewell to Europe (2016)

Stefan Zweig: Farewell to Europe (2016)

Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika
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Filmkritik: Auch aus sicherem Abstand ist Krieg doof

Als Exilliterat in Brasilien: Stefan Zweig
Als Exilliterat in Brasilien: Stefan Zweig © filmcoopi

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland und deren Einfluss in Österreich verlässt der Autor Stefan Zweig (Josef Hader) sein Heimatland und Europa. Aufgrund seiner Leistungen als Schriftsteller, durch die er Weltberühmtheit erlangte, ist er überall ein gern gesehener Gast. So nimmt er an einem Empfang des exklusiven Jockey Clubs in Brasilien teil, wo sich die gesamte Hautevolee des Landes befindet und ihn feiert.

Bereits dort, und später an einem internationalen Schriftstellerkongress, soll Zweig Stellung zu den Ereignissen in Europa und vor allem in Deutschland beziehen. Dies lässt er jedoch bleiben, da er sich nicht anmassen möchte, über etwas zu sprechen, das auf der anderen Seite des Atlantiks geschieht. Dass ihm die politische Lage in Europa dennoch zusetzt, kann er nicht verbergen. Da er weltberühmt ist und viele einflussreiche Personen kennt, bitten ihn viele Bekannte um Hilfe. Er soll ihnen ermöglich, ein Visum zu erhalten, damit sie nach Amerika auswandern können. Diese Belastung wiegt schwer auf seinem Rücken. Aber kann er ihr standhalten?

Stefan Zweig: Farewell to Europe zeigt den Untergang Europas in den 1930ern und Vierzigern aus der Sicht des Exilliteraten Stefan Zweigs. Durch gelungene Aufnahmen und eine grosse Anzahl Symbolbilder gelingt es Regisseurin Maria Schrader, einen Film über Europa zu machen, der gar nicht in Europa spielt. Dennoch fehlt es teilweise an Tiefe.

Stefan Zweig war einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Autoren aller Zeiten. Sein bekanntestes Werk "Sternstunden der Menschheit" besteht aus 14 kurzen Episoden, die historisch einflussreiche Ereignisse beschreiben. In Stefan Zweig: Farewell to Europe wendet Regisseurin Maria Schrader dieselbe Erzählstrategie an. Sechs verschiedene Momente in Zweigs Leben zeigen dessen Liebe zu Europa und die Angst um die noch dort lebenden Menschen. Hinzu kommt, dass die erste und letzte Episode aus je einer Plansequenz bestehen. Das Geschehen auf der Leinwand läuft somit in Echtzeit ab, wodurch der Zuschauer genügend Zeit hat, sich in die Situation hineinzuversetzen.

Es gelingt Schrader nicht nur, wichtige Stationen in Zweigs Exilleben authentisch darzustellen. Vielmehr schafft sie es auch, den Nationalsozialismus in Europa darzustellen, ohne nur eine Szene in Europa spielen zu lassen: Während ein Autor an einer Schriftstellerkonferenz, an der auch Zweig teilnimmt, über die politischen Geschehnisse in Europa, vor allem in Deutschland, berichtet und diese missbilligt, erntet er dafür tosenden Applaus und sogar stehende Ovationen. Dies zeigt den Zuschauern einerseits, welche Gefahren die Literaten befürchten. Durch Zweigs zurückhaltende und beinahe ängstliche Reaktion wird aber auch deutlich, wie ähnlich das Verhalten der Teilnehmer der Konferenz zu jenem der Nationalsozialisten in Deutschland auf ihn wirkt. Für einen bekennenden Europäer, wie Zweig einer war, eine unerträgliche Situation.

Des Weiteren zeigen Symbolbilder und -aufnahmen, wie die Grausamkeit des Kriegs den Exilliteraten Zweig belastet. So lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen einer brennenden Plantage in Brasilien und einem Kriegsschauplatz in Europa kaum bestreiten. Zweigs melancholisch-depressives Verhalten ist somit leicht nachvollziehbar.

Leider gelingt es Schrader nicht, diese subtile Tiefgründigkeit auf die einzelnen Figuren zu übertragen. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass man über Zweigs Gedanken und Gefühle am meisten erfährt, wenn er nicht spricht, sondern nur vor sich hinstarrt. Bei einem weltberühmten Schriftsteller wie Zweig wirkt dies etwas paradox. Aber möglicherweise möchte Schrader genau das zeigen, nämlich, dass selbst einem Schriftsteller die Worte fehlen können. Das wäre natürlich eine schöne Idee, scheint aber vielleicht etwas zu subtil.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Deutsch, mit französischen Untertitel, 02:19