Death in Sarajevo - Smrt u Sarajevu (2016)

Death in Sarajevo - Smrt u Sarajevu (2016)

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  2. 85 Minuten

Filmkritik: Hundert Jahre später

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Steht nicht auf Streik: Lamija
Steht nicht auf Streik: Lamija

Sarajevo, 28. Juni 2014: Im Hotel Europa laufen die Vorbereitungen für einen Empfang zum hundertsten Jahrestag des Attentats auf Franz Ferdinand. Auf dem Dach des Hotels führt eine Reporterin (Vedrana Seksan) Interviews zu der umstrittenen Figur des Attentäters Gavrilo Princip. Derweil plant das Personal des Hotels einen Streik, an dessen Spitze Hatidza (Faketa Salihbegovic) aus der Hotelwäscherei stehen soll.

Gangster im Keller
Gangster im Keller

Das ist ihrer Tochter Lamija (Snezana Markovic) gar nicht recht. Diese arbeitet an der Rezeption und möchte das Hotel an diesem Tag nicht in Verruf bringen. Das Hotel Europa beherbergt nämlich wichtige Gäste. Unter ihnen ist ein französischer Gast (Jacques Weber), der unter Personenschutz steht und in seinem Zimmer eine Rede übt. Sobald Hotelchef Omer (Izudin Bajrovic) von dem Streik Wind bekommt, setzt er alles daran, diesen zu verhindern. Dabei sucht er Unterstützung bei den Gangstern, die im Keller des Hotels einen Stripclub betreiben. Derweil übernimmt der Nationalist Gavrilo Princip (Muhamed Hadzovic) die Kontrolle über die TV-Interviews auf dem Dach.

Mit Death in Sarajevo widmet sich Danis Tanovic der Stadt Sarajevo und den Schatten der Vergangenheit. In der freien Adaption des Theaterstücks Hotel Europa von Bernard-Henri Levy werden die Zerissenheit der Stadt in der Vergangenheit sowie Gegenwart satirisch in den Mikrokosmos des Hotels übertragen. Was zurückbleibt, ist das Gefühl einer noch immer bestehenden, tiefen Spaltung.

Mit Death in Sarajevo meldet Regisseur Danis Tanovic sich auf der Berlinale zurück. Bereits 2013 erhielt er den Silbernen Bären für An Episode in the Life of an Iron Picker. In dem Film von 2013 riss Tanovic den Balkankonflikt nur am Rande an. In seinem neusten Werk spielt dieser neben dem Attentat von 1914 und den Olympischen Winterspielen von 1984 eine tragende Rolle.

Tanovic erzählt in mehreren Erzählsträngen das Treiben im und auf dem Hotel. Durch die Interviews, die auf dem Dach des Hotels geführt werden, werden die drei entscheidenden Ereignisse in der Geschichte der Stadt genauer erläutert. Hier zeigt sich deutlich, dass die Konflikte der Vergangenheit noch immer präsent sind. Als Princip, Namensvetter des Attentäters, vor die Kamera tritt, debattiert er heftig mit der Reporterin über die Rolle des Attentäters. War er ein Terrorist oder ein Revolutionär? Und wen würde er heute erschiessen?

Auch in den Dialogen zwischen dem Hotelpersonal und den anwesenden Gästen wird die Geschichte der Stadt immer wieder aufgegriffen. So ist Omer empört über Kritik zum Zustand des Bestecks. Immerhin sei dies das gute Olympia-Besteck von dem schon viele Berühmtheiten gegessen haben. Angelina Jolie habe der Zustand der Tafelsilbers nichts ausgemacht. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Handlungssträngen sind nahtlos. Tanovic erarbeitet Ebene für Ebene ein Stimmungsbild voll mit Hoffnung, Gewalt - und dem namensgebenden Tod.

/ swo