Skizzen von Lou (2016)

Skizzen von Lou (2016)

  1. 82 Minuten

Filmkritik: "Mir löh üs la scheide. Mir si itz e WG!"

12. Zurich Film Festival 2016
You don't have to be rich to be my boy...
You don't have to be rich to be my boy... © look now!

Lou (Liliana Amuat) ist eine Endzwanzigerin, welche den heissen Sommer mit Sinnieren, Schwimmen und Chillen verbringt. Einen festen Wohnsitz hat sie nicht, sie schläft auf dem Sofa ihrer Freundin. Im Herbst, so hat sie sich fest vorgenommen, will sie weg. Verreisen nach Nepal oder so, einfach ein bisschen in die Ferne. Verpflichtungen mag sie nicht, ebenso wenig zu enge Bindungen - nicht zu ihrem Vater, zu welchem sie ein distanziertes Verhältnis pflegt, aber auch nicht zu Aro (Dashmir Ristemi), der unterhalb einzieht und mit welchem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Des Öfteren gipfelt diese in Streit und Uneinigkeit, später folgt die Versöhnung.

Lou befindet sich in einer Selbstfindungsphase, in welcher sie erstmal mit sich selbst klären muss, wohin sie ihr Leben führen soll, denn langfristig verspricht der aktuelle Zustand keine Befriedigung. Stellt sie sich ihrer prägenden Vergangenheit, nimmt sie die Verpflichtungen der Beziehung an? Oder zieht sie weiterhin als verlorene Nomadin der Generation Y durch die Welt, stets auf der Suche nach ein bisschen Glück?

Schweizer Filme sind einfach nicht gut? Weit gefehlt, in den letzten Jahren hat die Schweiz in Sachen Filmproduktion einen Quantensprung vollzogen: fertig mit Produktionen für den Sonntag-TV-Abend. Lou ist ein Paradebeispiel für die neue filmische Vielfalt in unserem Land. Ohne grosse Dialoge, mit wenigen Worten, aber umso prägnanteren Bildern, überzeugt das Langfilmdebüt von Lisa Blatter beinahe auf der ganzen Linie.

Gestatten, ich darf Ihnen vorstellen: Lou! Alter: Endzwanzigerin; wie man später erfährt, wird sie 29 Jahre alt. Hobbys: Schwimmen, sich vom Ventilator anblasen lassen, Gegenstände ertasten und Dinge beobachten. Lou ist eine typische Vertreterin der Generation Y, typischer geht es gar nicht. Sie ist verträumt, am liebsten würde sie den ganzen Tag nur tun, worauf sie gerade Lust hat. Halt. Tut sie auch! Verpflichtungen sind nicht so ihr Ding, weder familiäre noch gesellschaftliche und erst recht nicht diejenigen, die man in der Liebe eingehen müsste. Stets um ihr eigenes Wohlbefinden bemüht, vergisst sie dabei, dass die Menschen um sie herum kaum Einfluss auf sie und ihr Leben nehmen können.

Schmerzhaft muss diese Erfahrung Aro am eigenen Leib erfahren. Schnell finden die zwei zueinander, obschon sie in den Ansichten, was Zukunftsplanung und Lebenseinstellung angeht, eigentlich total unterschiedlich sind. Lou fürchtet sich, vor zu viel Kontrolle und Bindung, vor gemeinsamem Nachtessen mit Schwiegereltern und davor, die eigene Freiheit und Unabhängigkeit aufgeben zu müssen. Lieber unverbindlich zusammen den heissen Sommer verbringen, fernab von den eigenen Eltern, ohne den Stimmzettel ausfüllen zu müssen. Aro tickt da anders. Das ist einerseits kulturell bedingt - für ihn als Südländer nimmt die Familie und die Gründung einer eigenen Familie einen ganz anderen Stellenwert ein -, andererseits scheint er jugendlichem Trotz und der Gleichgültigkeit einfach bereits entwachsen zu sein.

Sehr prägnant gespielt von Liliane Amuat und Dashmir Ristemi, welche den ganzen Film beinahe alleine tragen, treffen die Charaktere den Nerv der Zeit. Die ziellose und von den beinahe unendlichen Möglichkeiten überforderte Generation Y charakterisiert sich hauptsächlich durch einen Begriff: Selbstverwirklichung. Sie wollen sich nichts von niemandem vorschreiben lassen, brauchen genügend Freiräume für ihr eigenes Ego. Es ist die Generation, welche alles hinterfragt - Y wird ausgesprochen wie "Why?" -, aber bei Problemen auch schneller die Flinte ins Korn wirft: Streit, Versöhnung, Streit, Versöhnung...

Umgeben wird das Werk stets von einer prickelnden Atmosphäre, welche durch gelungene Kameraarbeit omnipräsent ist. Bei Nahaufnahmen während eines Kusses klebt die Kamera beinahe selbst an den Lippen der Turteltauben. Es herrscht stets eine sinnliche, zärtliche Stimmung, welche durch Uneinigkeit und Streit wieder unterbrochen wird. Skizzen von Lou dürfte als hippe, sanfte Liebesgeschichte, aber ebenso als spätes Coming-of-Age beschrieben werden. Eine Geräuschkulisse umgibt die Handlung, ebenso behutsam eingesetzt, wie der Film selbst es ist.

Und wenn Soundtrack vorhanden ist, dann leiser Indie-Pop und -Rock, um die knisternde Atmosphäre nicht zu stören. Dass dabei selten romantischer Kitsch aufkommt und die Handlung sehr realitätsnah gehalten wurde, beflügelt diese, sich immer weiter zu entwickeln. Sehenswert!

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd

Trailer Schweizerdeutsch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:48