Sing Street (2016)

Sing Street (2016)

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  3. 106 Minuten

Filmkritik: The Riddle of the Model

Die Wirtschaft schwächelt und Irland erlebt wieder einmal eine Migrationswelle. Wer noch Hoffnung hat, versucht sein Glück in England. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise erlebt auch der 14-jährige Connor (Ferdia Walsh-Peelo): Seine Eltern können das Geld für die Privatschule nicht mehr aufbringen und schicken ihn auf eine staatliche Schule der katholischen Christian Brothers. Dort kommt er nicht nur in Kontakt mit strengen Priestern und dem Schulhofschläger, sondern auch dem musikbegeisterten Eamon (Mark McKenna).

Lennon und McCartney
Lennon und McCartney © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Zusammen mit vier weiteren Jungs gründen sie die Band "Sing Street", angelehnt an den Strassennamen ihrer Schule. Mit dem Siegeszug von MTV und Musikvideos reicht es natürlich nicht mehr aus, nur eigene Lieder zu komponieren. Man muss auch die passenden Musikvideos drehen. Glücklicherweise hat Conor gerade das Model Raphina (Lucy Boynton) kennengelernt, das oft allein gegenüber von seiner Schule steht.

In erzählerischer Hinsicht ist Sing Street ein konventioneller Coming-of-Age-Film. Die Qualität der Songs schwankt und für Nebenfiguren bleibt wenig Platz. Das Setting der Achtzigerjahre in Irland ist allerdings ein Heimvorteil, den John Carney auch nutzt. Es ist wieder ein extrem sympathischer Musikfilm, mit zwei guten Jungdarstellern und einem überzeugendem Score. Die Thematik der Musikvideos ist inhaltlich und visuell im Film verankert. Unter den Liedern befindet sich zudem der eine wichtige Hit, der im Gedächtnis bleibt und einen noch Tage später verfolgt.

John Carney kann es einfach nicht lassen. Nach Once und Can a Song Save Your Life? hat er schon wieder einen romantischen Musikfilm gedreht, der ein Feel-Good-Movie im besten Sinne ist. Dabei war Carney nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich, sondern komponierte auch fleissig an der Musik mit. Neben den eigenen Werken der fiktiven Band Sing Street gibt es noch thematisch passende Lieder von Duran Duran oder The Cure.

Es dreht sich zwar vor allem um das eine Mädchen, wegen dem Conor die Band gegründet, die Musik zieht sich aber durch den gesamten Film. Da wäre zum einen Conors älterer Bruder, ein Kiffer, der das College abgebrochen hat und in seinem Zimmer eine gigantische Plattensammlung lagert. Stets hat er eine neue Weisheit oder LP parat, um Conors musikalischen Horizont zu erweitern. Der Fernseher im Haus wird zudem nur eingeschaltet, um die neusten Musikvideos zu bestaunen.

Wer ein Faible für die Achtzigerjahre hat, wird mit Sing Street sehr glücklich werden. Die Generation MTV macht sich nicht nur musikalisch bemerkbar. Mode und Frisuren von Conor wurden unter anderem inspiriert von David Bowie oder erinnern an John Bender aus The Breakfast Club. Damit nicht genug, spielt der Film im Jahr 1985 und enthält mehr als eine Anspielung an Zurück in die Zukunft. Die selbst gedrehten Musikvideos der Jungs sind eigene kleine Kunstwerke, die visuell und inhaltlich hervorragend in den Film integriert sind. Während das allererste den Zuschauern noch wie ein klassisches Video präsentiert wird, sind die Grenzen zwischen Video und Realität später fliessend. Die Kostüme und die gespielte Ernsthaftigkeit der Kinder sorgen ausserdem für Unterhaltung. Überhaupt ist Sing Street ein humorvoller Film mit einer guten Portion Situationskomik.

Conor erlebt in der Geschichte nicht nur eine musikalische Reise, er wird auch selbstbewusster und reifer. Man könnte bemängeln, dass die Figur zu fehlerlos und perfekt ist. Aber fehlenden Realismus bietet Sing Street auch an anderen Stellen. Die ebenso stereotype Figur Raphina verzeiht man dem Film auch dank der sympathischen Darstellerin. Bei der Leidenschaft für die Musik ist es fast schade, dass die Band nicht noch mehr im Vordergrund steht. Bis auf Eamon sind alle weiteren Mitglieder austauschbar. Wenn am Ende Adam Levine ertönt, muss man feststellen, dass John Carney es schon wieder getan hat: Sing Street ist ein sehr charmanter Musikfilm mit Herz.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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