Scare Campaign (2016)

Scare Campaign (2016)

  1. 76 Minuten

Filmkritik: Australian Horror Story

NIFFF 2016
Sesam öffne dich lieber nicht.
Sesam öffne dich lieber nicht. © Studio / Produzent

Die Quote, die liebe Quote. Mit dieser quält sich auch das TV-Produktionsteam um Emma (Meegan Warner) und Marcus (Ian Meadows), das mit der Show "The Scare Campaign" wöchentlich eine Versteckte-Kamera-Show der makaberen Art inszeniert: Das Opfer wird in einem Horrorfilm-Setting in Angst und Schrecken versetzt. In der neuesten Episode geht dies beinahe schief, als das Versteckte-Kamera-Opfer plötzlich eine Pistole zückt. Zum Glück ist die Waffe nur eine Attrappe. Trotzdem findet Emma, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem die Show abgesetzt werden sollte.

Gegenteiliger Meinung ist ihre Chefin Vicky (Sigrid Thornton). Der TV-Sender gerät zunehmend unter Druck durch die Konkurrenz aus dem Internet. Die heutigen Teenager fahren derzeit voll ab auf brutale Snuff-Movies eines Teams namens "The Masked Freaks" ab. Da muss die TV-Show nachziehen, findet Vicky: Neue Grenzen müssen überschritten werden, damit die jungen Zuschauer bei der Stange gehalten werden können. Also plant Marcus die neueste Episode kurzfristig um und baut einige verstörende neue Elemente ein. Doch bald schon ist nicht mehr klar, was Inszenierung ist und was hingegen blutiger Ernst.

Dank seiner kurzen Laufzeit und einiger überraschenden Wendungen ist Scare Campaign kaum je langweilig. Wie der Aussie-Slasher von Cameron und Colin Cairnes verschiedene Realitätsebenen miteinander vermischt, ist durchaus reizvoll. Darüber hinaus bietet er allerdings wenig Mehrwert, weder die farblosen Protagonisten, die Jump Scares noch die klischeehafte Story hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Was kommt denn sonst noch so im Fernsehen?

Mit nur gerade 76 Minuten dauert Scare Campaign nur unwesentlich länger als eine Episode von American Horror Story, der TV-Serie, die in Sachen Horror in den letzten Jahren neue Messlatten gesetzt hat. Der Film der beiden Australier Cameron und Colin Cairnes geht denn auch von der ersten Minute voll zur Sache: Mit Vorgeschichten wird nicht lange Zeit verplänkelt, entsprechend schablonenhaft sind die Figuren: von der quotengeilen TV-Chefin, die auch vor drastischen Methoden nicht zurückschreckt, um der Konkurrenz aus dem Internet beizukommen, über die moralisch aufrichtige Heldin bis hin zu abgestumpften Teenagern, deren Konsumwut immer extremere Formen annimmt.

Trotz der netten Grundidee einer morbiden Version von "Verstehen Sie Spass?": Neu ist das alles nicht. Der Hauch von Gesellschaftskritik, der den Film umgibt, ist daher auch schon bald wieder weggeweht. Zu klischeehaft ist das alles. Aber letztendlich ist Scare Campaign ja auch ein Slasher, der vor allem von der Spannung lebt. In dieser Hinsicht kann er bestens unterhalten und bietet zudem einige überraschende Twists - von denen derjenige am Schluss etwa so unerwartet daherkommt wie ein Rollator, der mit dem Tempo von einem halben Stundenkilometer auf einen zurast.

Doch immerhin wissen die Macher - und das ist ihnen zugutezuhalten -, wo sie am Ende den Schnitt setzen müssen. Anstatt den Film mit einem fragwürdigen Finale auf 90 Minuten aufzublasen, wird noch im rechten Moment der Abspann eingeblendet, kurz vor dem Moment, in dem sich der Zuschauer langsam zu langweilen beginnt. Mit dem offenen Ende bleibt auch die Option offen, das Format als TV-Serie weiterzuführen. Und in dieser Hinsicht vermischen sich die gezeigte Fiktion und die Realität. Vielleicht hat ja auch schon ein quotengeiler TV-Boss ein Auge auf das Format geworfen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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