Sami - A Tale from the North - Sameblod (2016)

Sami - A Tale from the North - Sameblod (2016)

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  2. 110 Minuten

Filmkritik: The dark side of the north

We don't need no education...
We don't need no education...

Es scheint, als brächten sie keine zehn Rentiere in den Wagen. Die alte Dame (Maj-Doris Rimpi) steht auf dem Balkon ihrer südschwedischen Stadtwohnung und zieht an einer Zigarette. Schliesslich überwindet sie sich und fährt mit ihrem Sohn in den Norden. Mit jeder Sekunde wächst ihr Widerwille. Nach langer Fahrt steigt Christina mit bitterer Miene vor einer Kirche aus.

Eggsy, wann kommst du, mich zu retten?
Eggsy, wann kommst du, mich zu retten?

Die Beerdigungszeremonie ihrer Schwester ist bereits in vollem Gang. Als sie eintritt, drehen sich die wenigen Menschen um; sie wird beäugt, garstig ist die Atmosphäre, ihr ist unwohl. Wie sie diese Samen doch verabscheut! Ohne ein Wort zu viel zu verlieren, enteilt sie allen und zieht sich in ein Hotel zurück. Endlich wieder in der zivilisierten, schwedischen Gesellschaft! Dort sind sich nämlich alle mit ihr einig: Die Samen haben im Grunde genommen nichts mit respektvoll zu behandelnden Lebewesen zu tun. «Sie stehlen, lügen und jammern», ist sie überzeugt. Doch die soeben erlebten Ereignisse werfen sie zurück in ihre Kindheit, in der sie als samisches Mädchen (Lene Cecilia Sparrok) mit dem Namen Elle-Marja Rentiere gehütet hat.

Sami Blood bringt ein weit über Schweden hinaus sozial delikates und allzu oft verdrängtes Thema auf den Tisch und legt den Finger direkt in die Wunde. Die samischen Laiendarsteller angeführt von den Sparrok-Zwillingen harmonieren wunderbar mit den Profis und bringen ein hohes Mass an Glaubwürdigkeit auf den Plan. Regisseurin Amanda Kernell überzeugt in ihrem Debüt auf allen Ebenen.

«Die finnische Regierung hat darum gebeten, alte Lappen nicht wegzuwerfen.» Was in unseren Breitengraden knapp als mässig witziger Kalauer durchgeht, bedeutet für die erwähnte ethnische Gruppe, die heutzutage Samen genannt werden will, traurige Realität. Ihre Identität galt nicht nur unter den «Zivilisierten» als Wegwerfprodukt, sondern zunehmend auch unter den Samen selber. Sami Blood gibt einen tiefen Einblick in den Kern der Krise zwischen Zivilisation und Indigenen, die noch heute nichts an Aktualität eingebüsst hat.

Die paradiesischen Wälder des tiefen Nordeuropa, wo man gerne seine Ferien verbringt, lassen den bis ins 20. Jahrhundert grassierenden Rassismus nicht vermuten. Psychoterror, rassenbiologische Untersuchungen, permanente Anfeindungen inmitten hochentwickelter Länder: Das überzeugte und überzeugende Erstlingswerk der samisch-schwedischen Regisseurin Amanda Kernell kumuliert ungeziert Erfahrungen direkt betroffener Samen.

Mit der fiktiven Geschichte über Elle-Marja zeichnet sie ein zentimetergenaues Bild der psychischen Zerrissenheit der Opfer, das auf vielen Ebenen fungiert. Die verfremdete schwedische Flagge ist Grundlage für die Farbensprache des Films; eisblau und goldgelb erzeugen eine ähnlich komplementäre Spannung wie die dissonanten Töne der synthetischen, manchmal fast bis zur Ohnmacht dröhnenden Sphärenklänge.

Elle-Marja mit ihrer Jagd nach dem südschwedischen Ideal - die sie trotz aller nachvollziehbarer Rigorosität bisweilen mit etwas allzu bemerkenswerter Stärke verfolgt - steigert sich gleichsam zur Allegorie für Schwedens Komplex, ja zur Allegorie für den Komplex aller Zivilisationen im Umgang mit indigenen Minderheiten (auch in der Schweiz), die sich dem Kulturenclash ausgesetzt sahen und noch immer sehen. Das schwedische Internat mit seiner schroffen Gouvernante, das sich kurzfristig um junge Samen sorgen soll, skizziert Kernell vortrefflich als Kippfigur, die zwischen Tempel der Schande und Tempel der Hoffnung changiert.

Authentisch wirkt das Ganze besonders deshalb, weil Kernell mit viel Überzeugungsarbeit die Samen, die notabene über null Erfahrung als Schauspieler verfügen, für ihre Sache gewonnen hat. Insbesondere die beiden die Sparrok-Schwestern spielen äusserst bezaubernd auf und vertreten die Botschaft von Sami Blood beherzt.

Mit noch 500 Sprechern ist Südsamisch eine der am stärksten bedrohten Sprachen der Welt - nicht zuletzt deswegen, weil die Vorbehalte gegenüber den Samen noch immer tief in den Köpfen der Schweden steckt. Kernell weiss, dass viele ihren samischen Stammbaum verschweigen: «Einige von ihnen wollen mit den Samen nichts zu tun haben, lehnen sie völlig ab und reden ziemlich schlecht über sie, obwohl sie doch selbst Samen sind.» Mit ihrer Spielfilmpremiere rüttelt sie heftig am gesellschaftlichen Gefüge.

/ arx

Kommentare Total: 2

Conor

Erfrischend unverbrauchte Gesichter, an denen man sich kaum satt zu sehen vermag.

arx

Filmkritik: The dark side of the north

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:31