Rocco (2016)

Rocco (2016)

Filmkritik: Sein letztes Stück

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
"Fuck me and I meik iu feimos."
"Fuck me and I meik iu feimos." © Studio / Produzent

Nach mehr als dreissig Jahren vor und hinter der Kamera plant die Porno-Legende Rocco Siffredi seine allerletzte Hardcore-Szene. Sein weibliches Alter Ego Kelly Stafford soll extra dafür reaktiviert werden. Regie führt eine andere Legende des Analsexfilms: John Stagliano. Es soll schliesslich etwas Besonderes werden zum Abschluss. Roccos Kameramann und Langzeitbegleiter Gabriele Galetta ist weniger begeistert. Er fürchtet um das Wohlergehen seines Cousins, wenn zwei Sex-Bestien wie Rocco und Kelly wieder aufeinandertreffen. Doch wie so oft, wird er überstimmt.

Familienidylle am Strand.
Familienidylle am Strand. © Studio / Produzent

Roccos Schwanengesang ist so etwas wie der Höhepunkt einer Doku, die den Menschen hinter dem Pornostar zu erforschen versucht. Zwei Jahre lang haben die Franzosen Thierry Demaizière und Alban Teurlai den Italiener begleitet. Nicht nur bei der Arbeit am Set, sondern auch zuhause mit den zwei Söhnen und mit seiner Frau Rozsa Tano. Was treibt den Mann an? Woher kommt er? Wie definiert sich seine Beziehung zu Frauen? Zwischen seinem Geburtsort Ortona, Budapest, wo er wohnt, und dem Porno-Valley in Los Angeles wird nach Antworten gesucht.

In der ermüdend langen Fan-Doku zum Pornokönig wird Rocco Siffredi wenig widersprochen, wenn er sich zu seiner Rolle als Sohn, Vater und italienischer Katholik mit bis heute andauernden Gewissensbissen äussert. Intimität ist schwierig zu erreichen bei einem Mann, den wir ständig nackt und an irgendwelchen Körperteilen leckend kennengelernt haben. Sogar das Voice-Over darf er selber machen. Fans werden den Film lieben und bekommen quasi ein Making-of zu Roccos letztem Film-Fick vor der endgültigen Pensionierung - alle anderen eine nicht ganz so geile Milieu-Reportage.

Rocco Siffredi gilt als DER Pornokönig, machte Gewalt im Sexfilm salonfähig und arbeitete auch mit Arthouse-Regisseurinnen zusammen. Obwohl er oftmals den Rücktritt angekündigt hat, schaffte er den Absprung aus der Branche bis heute nicht. Mittlerweile ist sein über fünfzig Jahre alter Körper so geschunden, dass er nur noch mit intensiven Fitnessprogrammen mithalten kann. Rocco ist abgefuckt, aber noch nicht am Ende.

Mit einer Grossaufnahme seines unerigierten Gemächts unter der Dusche machen die Filmemacher die Sache klar. Trotz anders lautender Intentionen ist Rocco ein Hochglanz-Fanfilm und weniger eine kritische Auseinandersetzung. Sie bekunden Mühe, das Filmmaterial aus über zwei Jahren Rocco-Begleitung auf eine verdauliche Dosis runterbrechen. Die Nachteile der Industrie kommen trotzdem nur am Rande vor, wenn Rocco kurz beim Aids-Test gezeigt wird, oder wenn eine tschechische Darstellerin, der Rocco wegen eines unvorteilhaften Gebisses kurzerhand einen Strumpf über den Kopf zieht, spürbar Mühe mit der Szenerie hat.

Gerne hätte man weitere Stimmen aus Roccos Umfeld gehört als nur Ehefrau und Nachwuchs, die als Stichwortgeber agieren. Roccos Cousin Gabriele kann als gescheiterter Pornostar nicht ganz ernst genommen werden. Als Hauptkameramann und Kostümiere in einem, hat er immer wieder inszenatorische Ideen, die lachend abgeblockt werden vom Chef, der immer so schnurstracks wie möglich zum Vögeln kommen will. Wie Hofnarr und König geistern die zwei durch den überlangen Film, der zwar keine Penetrationen zeigt, aber trotzdem immer wieder nackte Leiber zu Minimal-Techno zucken lässt. Und doch ist es immer wieder faszinierend, wie offen die Darstellerinnen auf Rocco und seine grobe Art reagieren. Ein Superstar ist er nicht einfach so geworden, auch wenn er mittlerweile Kontaktlinsen braucht.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter