La tortue rouge (2016)

La tortue rouge (2016)

  1. ,
  2. 80 Minuten

Filmkritik: The ciiiiiiiiircle of life...

69e Festival de Cannes 2016
"Bist du aus Super Mario entflohen?"
"Bist du aus Super Mario entflohen?" © Studio / Produzent

Auf den hohen Wellen des Ozeans treibt ein Schiffbrüchiger. Eines Tages erreicht er endlich rettendes Land, doch er ist auf einer völlig verlassenen Insel gelandet. Ausser Möwen und einigen neugierigen Krabbentierchen scheint kein Lebewesen diese zu bewohnen. Eine Entdeckungsreise bringt auch keine neuen Ergebnisse. So beginnt der Mann, sich ein Floss zu bauen, um der einsamen Insel zu entfliehen. Doch der Versuch scheitert, weil ein kräftiger Stoss aus den Tiefen des Meeres sein Floss zu vielen Einzelteilen zertrümmert.

Er würde doch viel lieber eine Sandburg bauen.
Er würde doch viel lieber eine Sandburg bauen. © Studio / Produzent

Der Mann lässt sich jedoch nicht entmutigen und zimmert sich ein neues, noch grösseres Floss. Doch das Meereswesen zerstört auch dieses. So geht es noch einige Male weiter, nie schafft es der Mann, sich mehr als einige Meter vom Strand zu entfernen. Eines Tages findet er endlich heraus, was sich hinter dem mysteriösen Ding aus dem Meer verbirgt: eine riesige rote Schildkröte. Als er sie eines Abends auf dem Land erwischt, macht er sie kampfunfähig, indem er sie auf den Rücken legt. Endlich kann er nun fliehen! Doch irgendwas hält ihn davon ab und lässt ihn bei der regungslos daliegenden Schildkröte bleiben.

Die erste europäische Koproduktion mit dem Ghibli-Studio besticht insbesondere durch das nahezu perfekte Zusammenspiel zwischen Bildern und der Musik. Diese übernimmt in Abwesenheit von Dialogen die erzählende Funktion in La tortue rouge. Eine komplexe Geschichte ist durch diese äusseren Umstände nicht zu erwarten, dementsprechend wirkt der Film von Michael Dudok de Wit zeitweilen etwas weichgezeichnet. Doch von einer solch schönen Weichzeichnung lässt man sich nur zu gerne ein wenig benebeln.

Robinson ist allgegenwärtig. Die Geschichte des Schiffbrüchigen auf der einsamen Insel erinnert zunächst deutlich an diejenige aus dem Roman von Daniel Defoe und an deren unzähligen Verfilmungen oder Neuinterpretationen wie beispielsweise Cast Away. Anstelle eines Volleyballes leistet dem Protagonisten hier die titelgebende rote Schildkröte Gesellschaft - eine Kreatur, die im weiteren Verlauf einen ganz besonderen Wandel durchmacht.

Mit diesem phantastischen Element entfernt sich der Film von den klassischen Robinson-Geschichten. Denn wie sich der Protagonist auf der Insel durchschlägt, interessiert die Macher herzlich wenig. Realismus ist nicht der Anspruch dieses Animationsfilmes. Stattdessen entwickelt er sich zu einer etwas sentimentalen, aber stimmigen Lebens-Geschichte. Fehlt nur noch, dass Elton John irgendwo sein "Circle of Life" anstimmt. Wobei wir beim Thema Musik wären. La tortue rouge weist keinerlei Dialoge auf, womit die Musik von Laurent Perez del Mar umso stärker zur Geltung kommt. Genaustens abgestimmt mit den Bildern, kann der manchmal dramatische, manchmal zärtliche Score die jeweiligen Stimmungsbilder auf der Leinwand perfekt untermalen - sehr schön.

Diese untrennbare Kombination zwischen Musik und gezeichneten Bildern hat bereits die Kurzfilme The Monk and the Fish sowie vor allem den wunderbaren Father and Daughter geprägt. Für letzteren hat Michael Dudok de Wit 2001 den Oscar für den besten animierten Kurzfilm erhalten. Mit La tortue rouge gibt der Holländer nun - mit 63 Jahren - sein Langspielfilm-Debüt. Im Vergleich zu den Kurzfilmen bleibt dieses nicht ohne einige Längen - die Story gibt letztendlich einfach etwas wenig her für 80 Minuten -, doch erzeugt der Film mit seiner sorgfältigen Inszenierung eine zauberhafte Atmosphäre. Hier dringt auch ein wenig das Look&Feel des Ghibli-Studios durch: Es ist die erste Koproduktion des legendären japanischen Animationsstudios mit einem europäischen Studio.

So hat sich die über zehnjährige Produktionszeit, die der Film laut dem Regisseur in Anspruch genommen hat, schliesslich ausbezahlt. Mittels der sogenannten Cintiq-Technik wurden die Figuren von Hand direkt auf einen Touchscreen gezeichnet. Die Hintergründe entstanden mit Kohle auf Papier und wurden dann eingescannt, worauf sie elektronisch eingefärbt und mit Licht- und Schatteneffekten ausgestattet wurden. Der Film vermag also durch diese teilweise Handarbeit wohl auch Nostalgiker anzusprechen, denen die heutigen, zu hundert Prozent am Bildschirm kreierten Animationsfilme zu seelenlos sind.

Tatsächlich verströmt La tortue rouge einen nostalgischen Charme, der in seiner Einfachheit an die guten alten Zeiten erinnert, wo Filme noch so schön "straight forward" waren und die Zuschauer nicht mit spektakulären Effekten und komplizierten Storys verwirrten. Dass gerade diese Einfachheit eine dermassen lange Produktionszeit in Anspruch genommen hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Französisch, 01:51