Prevenge (2016)

Prevenge (2016)

Filmkritik: Oh baby baby, you're killing me

17. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2017
Ruth, eine ganz normale, schwangere Frau...
Ruth, eine ganz normale, schwangere Frau... © Studio / Produzent

Ruth (Alice Lowe) ist im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, die Geburt des Kindes steht kurz bevor. Ein schönes Kapitel im Leben, wenn man es mit jemandem teilen kann. Ruths Mann kam jedoch bei einem Bergsteigerunfall ums Leben, was Ruth nur schwer ertragen kann. Eines Tages beginnt der ungeborene Fötus sich mit ihr zu unterhalten. Erst irritiert, später interessiert, hört Ruth ihrem Kind zu, was es ihr zu sagen hat. Das Kind scheint den Unfall seines Vaters differenziert zu verarbeiten und glaubt keinesfalls, dass es sich bei dem Zwischenfall um einen Unfall gehandelt haben kann. Und, es scheint ebenso die Verantwortlichen dafür zu kennen.

Kill, kill, kill!
Kill, kill, kill! © Studio / Produzent

So macht sich Ruth auf zu einem Rachefeldzug, bei welchem sie sämtliche Menschen, die an der Tour teilgenommenen hatten, auf grausame Art und Weise aus dem Weg zu räumen beginnt - stets instruiert von ihrem Fötus. Sei dies ein Verkäufer in einem Zoogeschäft, ein trotteliger, dicker DJ oder eine Personal-Verantwortliche in einem Büro. Für sie alle hat das letzte Stündchen geschlagen.

Prevenge ist nahe an der Grenze zwischen satirischer Unterhaltung und absurdem Schwachsinn. Messer werden in Körper gerammt und Alien-artige Babystimmen sprechen aus ungeborenen Körpern. Alice Lowe spielt in Prevenge nicht nur die Hauptrolle, sondern schrieb das Skript und führte Regie bei ihrer ersten eigenständigen Produktion. Leider bleiben die Hintergründe einiger Handlungen eher unerschlossen, der Soundtrack erinnert zu sehr an Tron: Legacy und einige Szenen sind jenseits des guten Geschmacks.

Alice Lowe ist bekannt als Darstellerin in diversen TV-Serien und einigen Spielfilmen (Hot Fuzz, Paddington). Mit Prevenge tritt sie nun nicht mehr nur als Darstellerin, sondern ebenso als Autorin und Regisseurin in Erscheinung. Von welchem Teufel sie geritten wurde beim Verfassen des Drehbuchs, weiss keiner so recht - vielleicht war es auch in ihrem Fall ein Baby? Denn immerhin war Lowe während der Dreharbeiten selbst schwanger. Auf jeden Fall scheinen in ihrem Kopf ziemlich absurde Storys zu schlummern. Der Nachwuchs, welcher Sorgen bereiten (Kevin - Allein zu Hause) oder regelrecht bösartig sein kann (The Omen), ist längst Schnee von gestern. Dass der ungeborene Fötus als Tyrann auftreten kann, wissen wir spätestens seit The Unborn. Mit Prevenge erreicht Lowe noch eine Steigerung davon: Der Fötus spricht zu Ruth und stachelt sie an, einen blutigen Rachefeldzug anzutreten.

Alleine die Idee ist schon relativ absurd. Den Vogel schiesst sie aber mit der Stimme des Fötus ab. Jener hört sich an wie ein Baby-Alien, hoch und quieckend. Wären die ausgesprochenen Befehle nicht so rücksichtslos makaber und grausam, würde der Betrachter beinahe in schallendes Gelächter ausbrechen. An witzigen Szenen und Dialogen wurde trotzdem nicht gespart. Die Charaktere sind dermassen schrullig und naiv gezeichnet, dass sie beinahe instinktiv plump handeln. Ebenso wird nicht zimperlich umgegangen mit dem roten Lebenssaft, welcher literweise aus den Körpern austritt, nachdem sie von Ruth mit dem Messer malträtiert wurden. Zeitweise erinnert Prevenge mehr an einen Splatterfilm denn an eine schwarze Komödie. Das Messer von Lowe erkundet dabei die Halsschlagadern und Gedärme mit viel Leidenschaft. Gewisse Szenen sind dabei etwas gar explizit in der Darstellung. Sowieso, der Betrachter wird lange im Dunkeln gelassen und erfährt nur über einige kurze Flashbacks, was zuvor geschehen sein könnte. Auch am Ende ist nicht alles ganz geklärt, die Hintergründe von Ruths Rache werden allerdings einigermassen nachvollziehbar.

Lowe gelingt derweil vor der Kamera das Kunststück zwischen bemitleidenswerter Schwangerer und kranker Psychopathin zu switchen und dabei in beiden Rollen glaubwürdig zu wirken. Der restliche Cast spielt keine grosse Rolle, denn er hat zumeist nur die Aufgabe, dumm zu wirken und sich von Ruth abschlachten zu lassen. Infolgedessen sind diese Charaktere sehr oberflächlich gezeichnet.

Prevenge wird geleitet durch einen pumpenden Electro-Soundtrack, zeitweise ganz im Stile des Daft-Punk-Scores von Tron: Legacy. Der Score wirkt allerdings zu impulsiv und mag nicht wirklich zur Story passen, zumindest wenn er so hektisch-elektronisch daherkommt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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