Piuma (2016)

Piuma (2016)

Filmkritik: Coming-of-Age all'arrabiata

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
Du, ich hab einen Braten in der Röhre.
Du, ich hab einen Braten in der Röhre. © Studio / Produzent

Ferro (Luigi Fedele) und Cate (Blu Yoshimi Di Martino) sind zwei gewöhnliche Teenager, die sich mit den üblichen Problemen herumschlagen, welche die Jugend mit sich bringt: Abschlussprüfungen, nervige Eltern, Ferienplanung mit den Freunden, Jobsuche. Doch eine aufregende Nachricht wirft ihr Leben auf den Kopf: Sie werden mit einer unerwarteten Schwangerschaft konfrontiert! Trotz ihres jugendlichen Alters entscheiden sie sich, das Baby zu behalten.

Familienidylle
Familienidylle © Studio / Produzent

Ferros Eltern sind zwar skeptisch, aber die verständnisvolle Mutter (Michela Cescon) überzeugt den hysterischen Vater (Sergio Pierattini), ihren Sohn zu unterstützen. Und Cates Vater (Francesco Colella) ist selbst weniger verantwortungsbewusst als seine Tochter und hat somit sowieso nichts einzuwenden. Die beiden haben die neun aufregendsten und kompliziertesten Monate ihres Lebens vor sich und versuchen so gut es geht, die Reinheit, die Poesie und die geteilte Weltbetrachtung, die ihre Beziehung so speziell machen, aufrechtzuerhalten.

Piuma ist eine heitere, unbeschwerte Coming-of-Age-Komödie, welche durch perfekt getimte witzige Dialoge, schwarzen Humor und klassische Slapstick-Elemente besticht. Die typisch italienischen Familienstreitereien am Esstisch sind gar zum Schreien vor Lachen. Bewegende, poetische und surreale Momente inszenieren das Entfliehen aus dem Alltag der beiden Hauptfiguren sehr schön, auch wenn diese Szenen nicht so ganz in die sonst so humorvolle Erzählung passen wollen.

Für seinen dritten Spielfilm Piuma vereint der anglo-italienische Regisseur Roan Johnson dieselben jungen Schauspieler, mit welchen er bereits in I primi della lista und Fino a qui tutto bene gearbeitet hat. Dies ist bei den Hauptdarstellern Luigi Fedele und Blu Yoshimi Di Martini gut erkennbar, denn die Chemie zwischen den beiden überträgt sich sehr gut auf die Leinwand und ihre Beziehung wirkt durchaus authentisch.

Generell überzeugen die Darsteller mit ihren schauspielerischen Leistungen, auch wenn die Konflikte in gewissen Szenen derart eskalieren, dass ihr Schauspiel an Overacting grenzt. Aber genau in solchen Szenen findet der Film auch seine grosse Stärke. Herrlich amüsant wird es, wenn das südländische Temperament hochkocht und sich die Familie am Esstisch oder sonstwo streitet.

Genial ist besonders die Szene, in welcher sich Cates Vater und Ferros Eltern zum ersten Mal begegnen. Ferros konstant verärgerter Vater ist bereits am Verzweifeln ab den Problemen, die ihm die Jungen bescheren, und als Cates chaotischer Vater viel zu spät zum Essen erscheint, entwickelt sich ein zum Schreien komisches Fiasko. Ein weiteres kurioses Highlight sind Ferros ungelenker Grossvater und dessen Physiotherapeutin Stella, die ihre ganz eigenen Techniken zur Entspannung ihres Patienten anwendet.

Piuma will aber nicht nur komisch sein, sondern hat auch seine berührenden, poetischen und gar surrealen Momente. Sehr schön inszeniert sind Ferros und Cates Ausbrüche aus dem Alltag. Über den Dächern von Rom schwimmen die beiden im Himmel zu verträumter, sphärischer Musik.

Doch hier liegt auch der grosse Widerspruch des Films. Piuma ist schlichtweg zu komisch, um sich selbst auch ernstnehmen zu können. Neben den zahlreichen witzigen Dialogen besticht der Film auch durch klassischen Slapstick-Humor, und dies schneidet sich mit den bewegenden und ernsten Szenen.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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