Neruda (2016)

Neruda (2016)

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  3. 107 Minuten

Filmkritik: Der grosse Gesang

Wer ist hier der Erzähler?
Wer ist hier der Erzähler? © filmcoopi

Der chilenische Dichter Pablo Neruda (Luis Gnecco) war ein Mann der Worte und der Liebe. Als überzeugter Kommunist kämpfte er gegen den Faschismus und die eigene Regierung. Mit dem Beginn des Kalten Krieges, Ende der Vierzigerjahre, änderte sich auch die Politik in Chile. Das Verbot der Kommunistischen Partei Chiles nahm den Mitgliedern sogar das Wahlrecht, politische Gegner wurden in Konzentrationslager geschickt und der grosse Dichter Neruda per Haftbefehl gesucht.

Und wer die Hauptfigur?
Und wer die Hauptfigur? © filmcoopi

Präsident Videla (Alfredo Castro) beauftragt persönlich den aufstrebenden Polizisten Oscar Peluchoneau (Gael García Bernal) mit der Verhaftung Nerudas. Der hat zusammen mit seiner Frau Delia (Mercedes Morán) längst sein Anwesen verlassen und ist auf Rat seiner kommunistischen Freunde untergetaucht. Es beginnt eine Jagd, bei der die Polizei stets einen Schritt zu langsam zu sein scheint. Wie fängt man jemanden, der vom ganzen Land geliebt und unterstützt wird? Fast schon als Hohn hinterlässt Neruda für den Kommissar stets ein Buch mit einer Notiz am Tatort.

Neruda ist kein gewöhnliches Biopic. Der Auszug aus dem Leben des Dichters verwandelt sich in eine Kriminalgeschichte, in der Fiktion und Realität langsam verschmelzen. Es beginnt ein Kampf um die Hauptrolle in der Geschichte, die sich selbst anfühlt wie ein Werk von Neruda. Die Kamera spielt ebenso wie die Erzähler mit der Realität. Deutlich erkennbare Rückprojektionen lassen einen auch filmisch zurück ins Jahr 1948 reisen. Passend zum Romantiker Pablo Neruda ist alles überlebensgross inszeniert und der orchestrale Score treibt die emotionale Jagd voran.

Zum zweiten Mal in Folge stammt Chiles Beitrag für die Oscarverleihung von Pablo Larraín. Nach seinem Drama El Club über vier chilenische Priester widmet sich sein neues Werk dem Nobelpreisträger Pablo Neruda. Aber anstatt einer blossen Nacherzählung eines ereignisreichen Lebens sucht Larraín mit der Stimme des Volkes die Seele seines Heimatlandes.

Unerwartet ist dabei bereits die Darstellung des Dichters selbst: Auf einer dekadenten Party sieht man Chiles Oberschicht, mit Masken und halb nackt. In der Mitte des Raums steht ein rundlicher Mann mit einer Halbglatze, Mitte 40, man möchte meinen eine unscheinbare Erscheinung. Doch die Menschen liegen ihm zur Füssen. Nicht nur die Frauen bewundern ihn. Eine Zugabe, nur noch ein Gedicht vom grossen Romantiker Pablo Neruda. Luis Gnecco, fast zehn Jahre älter als der damalige Neruda, gelingt im Film die Verwandlung in den sanftmütigen Charmeur.

Wenn der Film seine Figuren nicht gerade in ein warmes Licht taucht oder seinen Kriminalaspekt wie im Film Noir durch Schatten betont, erstrahlen die Bilder dank einer Farbkorrektur als leichtem Bildfilter in einem leichten Lilaton. Auch durch alte technische Tricks wie die Rückprojektion bei Autofahrten wirkt Neruda wie aus einer anderen Zeit. Es ist ein sehr bewusstes Spiel mit der filmischen Geschichte und der eigenen Darstellung der Realität. Die wunderschönen Landschaftsaufnahmen strotzen nur so vor Licht, sehr deutlich zu sehen durch den Lens Flare. Innerhalb von Gebäuden sorgt Sergio Armstrong für sanfte Kamerafahrten. Auch hier wird die Realität verzerrt, die Kamera krümmt den Raum. Ebenso wie die Geschichte und Neruda selbst wirkt die Musik überlebensgross; der orchestrale und emotionale Score wechselt sich mit Stücken der Klassik ab.

Neruda ist auch ein politischer Film, der den Kampf der Systeme in Chile behandelt. In einer Szene trägt eine arme Arbeiterin selbst die Frage an Neruda heran, wie er denn ein richtiger Kommunist sein könne: mit Kontakten zur politischen Klasse, zu Künstlern auf der ganzen Welt. Er, der ein Leben in Wohlstand geniesst, während andere Mitglieder der Bewegung in Konzentrationslager gebracht werden. Dort sehen wir auch kurz den späteren Diktator Pinochet. Auch der Kommissar steht für den Klassenkampf. Als Sohn einer Hure und angeblich des Polizeipräsidenten, träumt er vom Aufstieg; ein Bastard, der den berühmten Dichter fängt. Peluchoneau ist über weite Teile der Erzähler der Geschichte, allerdings ein sehr inkonsistenter. Mit zunehmendem Misserfolg bei der Jagd wachsen auch seine Selbstzweifel. Stets einen Schritt zu spät, wirkt es wie Hohn, dass Neruda ihm Kriminalromane am Tatort hinterlässt. Im Gegensatz zu vielen Literaturverfilmungen wirken die Voice-over-Kommentare hier nicht aufgesetzt, sondern durchdacht in die Erzählstruktur implementiert.

Neruda ist ein grossartiger Film, der sowohl seinem namensgebenden Poeten gerecht wird als auch das Genre des Biopics bereichert. Larraín überträgt die Emotionalität von Pablo Nerudas Gedichten auf die Leinwand. Einzig das schwache Finale der Jagd fällt im Vergleich zum Rest des Films ab.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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