Nebel im August (2016)

Nebel im August (2016)

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  2. 121 Minuten

Filmkritik: Wie man Menschen vermeintlich unoffensichtlich umbringen kann.

Ernst Lossa zweifelt an der Ehrlichkeit des Direktors
Ernst Lossa zweifelt an der Ehrlichkeit des Direktors © Frenetic Films

Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) ist ein kleiner, aufgeweckter Junge. Seine Mutter ist tot und sein Vater als Jenischer unterwegs. Die Nazis stufen Ernst als schwererziehbar ein und so wird er in einer Nervenheilanstalt untergebracht. In einer solchen werden all jene Kinder einquartiert, die nicht ins Idealbild der nationalsozialistischen Rassenideologie passen. Also befinden sich dort primär physisch und psychisch behinderte Kinder. Während sich die arbeitsfähigen Kinder tagsüber mit Putzen und Gartenarbeit herumschlagen müssen, werden die arbeitsunfähigen mit Medikamenten ruhiggestellt.

Um die Euthanasie voranzutreiben, werden von Zeit zu Zeit Patienten mit Bussen abgeholt. Ernst und den anderen wird weisgemacht, dass so die Gesunden abgeholt werden. Der Direktor und Chefarzt, Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch), betont immer wieder, dass das oberste Ziel in der Heilung der Kinder besteht. Nachdem innerhalb weniger Tage einige Patienten vermeintlich zufällig sterben, realisiert Ernst, dass nicht die Genesung das Ziel ist.

Nebel im August erzählt die Geschichte Ernt Lossas, die auf wahren Begebenheiten beruht. Dass sich Regisseur Kai Wessels an das Thema der Euthanasie während des Zweiten Weltkriegs traut, ist lobenswert. Auch die schauspielerischen Darbietungen der Kinder fallen äusserst positiv aus. Dennoch vertrüge der Film etwas mehr Spannung, beispielsweise durch die Kürzung einiger Szenen.

Nicht nur durch die Tötung der Juden in Konzentrationslagern starben während des Zweiten Weltkriegs viele Menschen. Etwa 200'000 Menschen verloren ihr Leben durch das nationalsozialistische Euthanasieprogramm. Anders gesagt, physisch und psychisch beeinträchtigte Personen, die der Gesellschaft vermeintlich zur Last gefallen wären, wurden umgebracht. Dafür, dass sich Kai Wessels getraut hat, dieses traurige und erschreckende Kapitel der Menschengeschichte auf die Leinwand zu bringen, muss ihm Lob ausgesprochen werden. Solche Ereignisse dürfen und sollen nicht in Vergessenheit geraten.

Ihm gelingt es auch, die Tragik der Geschichte farblich wiederzugeben. So befinden sich im Film keine bunten oder grellen Gegenstände oder Kleidungsstücke. Kein einziges Mal sieht man die Farbe der Hoffnung, also grün. Die Farbsymbolik zweier Dinge fallen jedoch auf: Einerseits leuchtet der Himbeersaft, der den Kindern verabreicht wird und tödliche Nebenwirkungen hat, in einem auffälligen Rot. Andererseits flattern die gewaschenen Bettanzüge, die die Kinder aufhängen, weiss in der Sonne. So kann das Weisse hier als Unschuld der Kinder betrachtet werden.

Die schauspielerischen Qualitäten der Kinder sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Allen voran Ivo Pietzcker, dessen Darstellung des Ernst Lossa auf ganzer Linie überzeugt. Während sein Gesichtsausdruck von all den vielen schrecklichen Eindrücken komplett unterkühlt und abgebrüht wirkt, dürsten seine Augen nach Gerechtigkeit und Freiheit. Auch andere Jungdarsteller wie Jule Hermann (Nandl) fallen positiv auf. Dies vor allem durch die authentische Darstellung ihrer Krankheiten. So glaubt man kaum, dass ein junges Mädchen wie Jule einen Krampfanfall so lebensecht spielen kann.

Ein grosses Manko weist der Film aber auf: Es fehlt ihm an Spannung. Kennt man die wahre Geschichte des Ernst Lossa nicht, bleibt zwar bis am Ende des Films unklar, was aus ihm wird, doch der Weg dorthin zieht sich etwas in die Länge. Vielleicht könnte man Wessels zu Gute halten, dass er die Thematik möglichst nüchtern darstellen wollte, was eine durchaus gute Begründung wäre. Dauert ein Film aber über zwei Stunden, wäre es für die Konzentration aber hilfreich, wenn der Film etwas dynamischer wäre. Bei Nebel im August wäre dies beispielsweise durch die Kürzung gewisser Szenen möglich gewesen.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Deutsch, 02:17