Moonlight (2016/I)

Moonlight (2016/I)

  1. 111 Minuten

Filmkritik: In Miami gibt es nicht nur "Bad Boys"

41st Toronto International Film Festival
Der junge Mann und das Meer
Der junge Mann und das Meer © DCM

Miami in den Achzigern: Der neunjährige Chiron (Alex R. Hibbert) hat es alles andere als leicht. In der Schule wird der schmächtige Junge ständig von seinen Mitschülern verprügelt und zuhause wartet seine alleinerziehende, cracksüchtige Mutter Paul (Naomie Harris) auf ihn. Nur sein bester Freund Kevin (Jaden Piner) scheint zu dem Jungen zu halten. Als sich Chiron eines Tages vor seinen Klassenkameraden versteckt, trifft er auf den Dealer Juan (Mahershala Ali), der ihn zu sich nach Hause nimmt und den Jungen langsam aufbaut. Dabei ist es ausgerechnet Juan, der Chirsons Mutter mit Drogen beliefert.

Sieben Jahre später ist Chirons (Ashton Sanders) Leben nicht gerade einfacher geworden: Die Drogenprobleme seiner Mutter haben sich verschlimmert und an der Schule ist weiterhin Kevin (Jharrel Jerome) der einzige Hoffnungsschimmer. Als die beiden 16-jährigen Jungs eines Abends am Strand intim miteinander werden, hat dies einen bleibenden Effekt auf Chiron. Auch zehn Jahre später ringt Chiron (Trevante Rhodes) immer noch mit den Gefühlen, die an diesem Abend ausgelöst wurden. Chiron, der inszwischen als Drogendealer sein Geld verdient, beschliesst Kevin (André Holland) aufzusuchen.

Der in drei Episoden aufgeteilte Moonlight ist eine aufwühlende Charakterstudie eines homosexuellen afroamerikanischen Mannes, der in einer harten Umgebung aufwächst. Drei verschiedene Schauspieler spielen überzeugend den Protagonisten und lassen den Film mit ihren Performances keineswegs abgehackt wirken. Regisseur Barry Jenkins hat einen sehr menschlichen Film geschaffen, der berührt und nicht mehr loslässt. Einer der besten Filme des Jahres.

Nachdem bei den Academy Awards zwei Jahre hintereinander ausschliesslich weisse Schauspieler und Schauspielerinnen in den jeweiligen Kategorien nominiert wurden, gab es einen riesigen Aufschrei. Vor allem die afroamerikanische Gemeinde fühlte sich aufs Übelste hintergangen. Eine der besten Antworten auf eine solche Kontroverse gibt nun Regisseur Barry Jenkins. Sein Moonlight ist eine grossartige Charakterstudie, die sich Lob in den höchsten Tönen verdient und nicht ignoriert werden sollte - auch nicht von der Academy.

Aufgeteilt ist Moonlight in drei Episoden. Sie zeigen wichtige Erlebnisse des Protagonisten im Alter von neun, 16 und 26 Jahren. Dabei ist es erstaunlich, wie ähnlich sich die Schauspieler sind. Man achte auf das geniale Poster, welches die Gesicher der drei verbindet - verblüffend. Vor allem die jüngsten zwei könnten Brüder sein oder den Verdacht erwecken, dass Jenkins mit der Boyhood-Methode gearbeitet hat. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Episoden laufen dann auch recht harmonisch ab, voran auch der leicht nachvollziehbare Weg Chirons einen grossen Anteil hat. Denn jedes Erlebnis formt diesen jungen Mann, der sich selbst finden muss, sich dabei jedoch oft versteckt. In der ersten Episode ist dies noch wörtlich zu nehmen, wenn Chiron in einer verlassenen Wohnung Zuflucht von gemeinen Mitschülern findet. Später ist sein Versteck sein eigener Körper, den er mit Bling-Bling und vielen Muskeln aufgemöbelt hat. Damit kaschiert er seine eigene Homosexualliät und seine verletzliche, verunsicherte Person.

Dies ist nicht immer leicht anzuschauen, aber es berührt - wie auch die Auftritte von Mahershala Ali als Drogendealer/Ersatzvater Juan, einer Figur, die Wärme in einer kalten Umgebung ausstrahlt. Eine Szene, in welcher Juan Chiron das Schwimmen beibringt, trifft mitten ins Herz. Damit unterläuft der Film auch ein bisschen die Erwartungen des Zuschauers. Denn der Dealer bildet den Jungen nicht zum Laufburschen aus, sondern hilft ihm durch eine schwere Zeit. Ali spielt dies grossartig, da er diese Figur selbst ins Herz geschlossen hat. Als er an Premiere in Toronto über seine Rolle sprach, brach der Schauspieler plötzlich in Tränen aus. Schade, dass er nur in der ersten Episode vorkommt. Des Weiteren gilt es die Performance von Naomie Harris zu loben, welche ihren intensiv gespielten Part der Rabenmutter übrigens während der US-Pressetour von Spectre abgedreht hat.

Die Geschichte eines armen, homosexuellen Afroamerikaners mag zwar auf den ersten Blick nach Minderheitenkino anhören. Doch vieles in Moonlight ist universell. Es geht um Selbstfindung, Familie, Freundschaft, Liebe und darüber, wie man ein Produkt seiner Umgebung werden kann. Am Ende kommt unfreiwillig der Grönemeyer-Hit "Mensch" in den Sinn. Dort heisst es: "Der Mensch heisst Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt." Barry Jenkins hat diese Zeilen in ein wunderschön gefilmtes Werk gepackt, das lange nachhallen wird.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 4

Bellowulf

Kann mich da auch nur anschliessen. Ein sehr einfühlsamer Film. Durchwegs sehr gute Darsteller/innen, schön in Szene gesetzt, spielt mit den Farben und Unschärfenbereichen. Kluges Kino! Meines Erachtens geht es da nicht primär um Homosexualität sondern darum, wie wir zu dem werden, der wir werden wollen trotz unserer Prägung durch das Umfeld, in dem wir aufwachsen und leben. Hier gibts keine Binsenwahrheiten und konstruierte Gefühlsduselei; mir schien das ein ehrlicher Film zu sein. Ein Highlight.

andycolette

Sehr beeindruckend Mega Story in 3 teilen! Super Schauspieler in allen Rollen! Sensationell umgesetzt! Fand aber Manchester by the sea das beste drama des jahres! Aber auch sensationell Moonlight!

ebe

Kann ich so nur unterzeichnen. Moonlight gehört ja zu der Sorte Filmen, bei denen man den Plot liest und denkt, man wisse genau, was auf einen zukomme: Probleme eines schwarzen Homosexuellen im Drogenmilieu. Jaja, denkt man sich da. Engagiertes Independent-Kino, das einem die politisch korrekte Message mit gutgemeinter Penetranz ins Gesicht drückt, nett, aber ein bisschen vorhersehbar und menschelnd.

Doch die Stärke dieses Filmes liegt eben genau darin, dass er diese Erwartungen konsequent unterwandert. Er ist anders. Und das auf eine solch sensible und so berührende Art, dass man sich dabei der Tränen kaum erwehren kann. Ein Film, den man nicht deswegen gut findet, weil man ihn halt gut finden muss, sondern weil er tatsächlich gut ist. Dass er dabei ganz nebenbei bestens in den derzeitigen weltpolitischen Kontext passt, ist die traurige Ironie der Sache. Zweifellos eines der Highlights in diesem Jahr!

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