A Monster Calls (2016)

A Monster Calls (2016)

Sieben Minuten nach Mitternacht
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  2. ,
  3. 108 Minuten

Filmkritik: Träume sind Bäume

41st Toronto International Film Festival
Wurzelmännchen
Wurzelmännchen © Impuls Pictures AG

Der 13-jährige Conor (Lewis MacDougall) hat's nicht leicht im Leben. Seine alleinerziehende Mutter (Felicity Jones) leidet an Krebs und muss nach einem Rückfall zurück ins Krankenhaus. Für Conor bedeutet dies, dass er nun bei seiner verhassten Grossmutter (Sigourney Weaver) wohnen muss, mit der er nie richtig klargekommen ist. In der Schule ist der in sich gekehrte Junge ebenfalls ein Aussenseiter und wird von älteren Mitschülern gehänselt.

"Yeeeeah! Endlich mal wieder Trickfilme im Fernsehen!"
"Yeeeeah! Endlich mal wieder Trickfilme im Fernsehen!" © Impuls Pictures AG

Eines Nachts, um 7 Minuten nach Mitternacht, hört Conor eine Stimme, die zu ihm spricht. Sie gehört einem gewaltigen Baummonster (Liam Neeson), das nur aus Ästen zu bestehen scheint. Das Monster will ihm drei Geschichten erzählen, danach verlangt es, von Conor eine vierte Geschichte zu hören. Conor will von alledem zunächst nichts wissen, denn Geschichten allein heilen schliesslich seine Mutter nicht. Doch das Monster bleibt hartnäckig und erscheint fortan immer 7 Minuten nach Mitternacht, um seine Geschichten zu erzählen...

Achtung: Es steht zwar Liam Neeson und Monster auf dem Plakat. Aber Actionfans sitzen hier im falschen Film. Es sei denn, sie haben ihre sensiblen Seiten. A Monster Calls ist ein feinfühliger Tearjerker, der mit einer wunderschönen Bildsprache aus animierten und real gefilmten Szenen überzeugt. Dass die Romanverfilmung von J.A. Bayona stellenweise in seiner Schönheit und in den grossen Gefühlen fast ertrinkt, ist ein mehr als verzeihlicher kleiner Schönheitsfehler.

Moment, hatten wir das nicht eben? Eine riesenhafte Kreatur, die dem kindlichen Protagonisten spät nachts vor dem Fenster erscheint? Stimmt. The BFG hiess diese Kreatur im Steven-Spielberg-Film. Hier ist es ein Baummonster, und wie in der Roald-Dahl-Verfilmung diente auch hier ein Jugendbuch als literarische Vorlage. Das gleichnamige Buch (zu Deutsch «Sieben Minuten nach Mitternacht») von Patrick Ness stammt aus dem Jahr 2011 und basiert auf der Idee der Autorin Siobhan Dowd, die damit ihre eigene Krebserkrankung verarbeitete, woran sie 2007 starb.

Der Hintergrund deutet bereits darauf hin: Die Themen, die in A Monster Calls angeschnitten werden, sind deutlich schwermütiger als diejenigen von The BFG. Die Fantasy-Geschichte mit dem Monster dient als Aufhänger dazu, dass sich der junge Protagonist Connor mit der Krebserkrankung seiner Mutter und den damit verbundenen Verlustängsten auseinandersetzt.

Mit dem jungen Hauptdarsteller Lewis MacDougall haben die Macher um Regisseur Juan Antonio Bayona ein glückliches Händchen gehabt. Er stellt die innere Zerrissenheit seines Charakters sensibel und sehr glaubhaft dar. Felicity Jones als fragile Mama und Sigourney Weaver als resolute Oma - und nicht zu vergessen die Stimme von Liam Neeson als Monster - ergänzen das feine Ensemble, das die vielleicht etwas umständlich erzählte Geschichte erst zum Leben erweckt.

Ein weiterer Trumpf des Filmes ist das Visuelle. Regisseur Bayona hat bereits in früheren Filmen wie El Orfanato ein gutes Auge für schöne Bildkompositionen bewiesen. Und das tut er auch hier - und dies sowohl in den realen Bildern als auch in den Animationen, die jeweils angewendet werden, wenn das Monster seine Geschichten erzählt. Gerade diese Animationen, bestehend aus virtuos ineinander übergehenden, stark schematisierten Bildern, verleihen dem Film in den besten Momenten eine Magie, die vom schwelgerischen Score von Fernando Velázquez noch unterstrichen wird.

Das alles ist in den einen oder anderen Szenen vielleicht etwas des Guten zu viel. Denn je näher das Ende rückt, desto hemmungsloser drückt der Film auf die Tränendrüsen. Doch er darf das. Denn er tut es virtuos und erfreulicherweise umschifft A Monster Calls gekonnt die meisten Klischees, die man sich aus diesem Filmgenre sonst gewohnt ist. Stattdessen mündet er in ein stimmiges, traurigschönes Ende und schafft es damit, mehr Emotionen auszulösen als Kollege Spielberg in seinem letzten Werk.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 5

Benster

Schwere Kost. Aufwühlend und emotional. Selten so ein konsistentes Drehbuch gesehen.

Die Stärke des Films liegt in seiner pragmatischen, unaufgeregten herangehensweise an ein realistisches Szenario, das viele Menschen betrifft. Deshalb geht dem Zuschauer das Schicksal der betroffenen Familie so richtig nahe. Die Geschichte ist zwar auf einen einfachen, klar erkennbaren roten Faden heruntergebrochen, aber dennoch raffiniert erzählt.

Grosse Filmkunst!

pradox

@muri: ich stimme dir zu. mehr gibts nicht zu sagen.

jedoch finde ich fsk12 etwas gewagt. leider mag ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich mit 12 diesen film aufgefasst hätte.

muri

Beeindruckend.

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