Miséricorde (2016)

Miséricorde (2016)

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  3. 90 Minuten

Filmkritik: Das Leben ist kein Ponyhof

12. Zurich Film Festival 2016
And I would walk 500 miles *sing*
And I would walk 500 miles *sing* © Outside the Box

Der Genfer Polizist Thomas Berger (Jonathan Zaccaï) verbrachte die letzten drei Monate in Quebec beim Angeln. Auf dem Weg zum Flughafen kommt er an einem Unfall vorbei. Dabei ist der Sohn von Alice, die seine Hütte am See jeweils gereinigt hat, ums Leben gekommen. Der verantwortliche Truckfahrer ist vom Unfallgeschehen geflüchtet und wird von der kanadischen Polizei gesucht. Kurzerhand beschliesst Thomas, den flüchtigen Truckfahrer zu finden, anstatt seinen Heimflug anzutreten.

Die Familie des verunfallten Mukki wohnt in einem Indianerreservat und lebt nach den indianischen Traditionen. Demgemäss wird der Leichnam von Mukki erst beerdigt, wenn die verantwortliche Person sich bei ihm für ihre schändliche Tat entschuldigt hat und die Tatwaffe - also der Truck - zerstört worden ist. Thomas verspricht Alice, den Mörder ihres Sohnes zu finden und zu ihr zu bringen, damit er sich entschuldigen kann. Auf seiner Suche stösst Thomas allerdings bei der Polizistin Laurie auf Misstrauen. Sie versucht herauszufinden, was es mit diesem schweigsamen Schweizer auf sich hat und wieso er sich so bemüht, den Täter zu finden.

Miséricorde gibt Einsicht in menschliche Abgründe, in die wir alle geraten können. Dadurch entsteht ein sehenswerter Film, dem es aber etwas an Spannung fehlt. Die Musik ist zwar gut, da das Prädikat "Thriller" jedoch weder zur Geschichte noch zum Spannungsbogen passt, wirken die typischen Psychothriller-Melodien etwas deplaziert.

Fulvio Bernasconis (Fuori dalle corde) neuer Film sollte eigentlich ein Thriller sein, wirkt aber vielmehr wie ein Roadmovie, wobei aber die kanadische Landschaft zu kurz kommt. Dafür sieht man die verschiedensten Gesichtszüge des Protagonisten in Nahaufnahme. Einzig die Musik erfüllt die Anforderungen eines Thrillers, wirkt aber aufgrund der fehlenden Spannung deplatziert. Die Spannung kommt grundsätzlich zu kurz. Zwar gibt es vereinzelte Szenen, die als Hommage an Steven Spielbergs Duel einige Spannung aufzubauen vermögen. Wer jedoch einen Nervenkitzler erwartet, wird enttäuscht sein.

Abgesehen davon, dass es sich bei Miséricorde nicht wie angenommen um einen Thriller im eigentlichen Sinne handelt, bietet die Geschichte einigen Stoff zum Nachdenken. Im Grunde genommen könnte jeder und jede in der Haut des Täters stecken. Bernasconi bietet mit seinem neusten Werk einen äusserst intimen Blick auf Abgründe des Menschen, in die jeder rutschen könnte. Genau dies macht den Film auch sehenswert. Das Motiv des Protagonisten bleibt lange unklar, was zu einigen Verwirrungen führt und irritiert.

Vielleicht bleibt der Film aber auch deshalb interessant, da man zu erahnen versucht, weshalb der Genfer Polizist den Fall zu lösen versucht. Da neben der typischen Thriller-Musik die Handlung teilweise etwas abflacht, könnte dieser Punkt dazu beitragen, den Spannungsbogen einigermassen zu halten. Abgesehen davon ist Miséricorde aufgrund der ruhigen Art der Protagonisten teilweise etwas langatmig.

Diana Rolny [dro]

Diana arbeitet seit 2013 als Freelancerin bei OutNow. Sie liebt Dokumentationen wie «The Life of Brian» und Wanderfilme aus Mittelerde. Zu schwarzhumorigen Komödien geniesst sie gerne einen Martini Dry, bei Sci-Fi einen Pangalactic Gargleblaster und bei sinnfreien Kunstfilmen einen Molotowcocktail.

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