Midnight Special (2016)

Midnight Special (2016)

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  3. 112 Minuten

Filmkritik: Und was wisst ihr über Alton Meyer?

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Er will doch nur spielen.
Er will doch nur spielen.

Roy (Michael Shannon) und Lucas (Joel Edgerton) sind auf der Flucht. Bei sich haben sie den achtjährigen Alton (Jaeden Lieberher), den sie aus einer religiösen Sekte rund um den Prediger Calvin Meyer (Sam Sheperd) entführt haben. Alton ist Roys Sohn und verfügt über eine besondere Gabe, die ihn nicht nur für die religiösen Extremisten, sondern auch das FBI und die NSA interessant macht.

Der da oben ist auch keine grosse Hilfe.
Der da oben ist auch keine grosse Hilfe.

Roy tut alles, um seinen Sohn zu schützen und ihn an sein Ziel zu bringen. Dabei hilft ihm Altons Mutter Sarah (Kirsten Dunst), die nach zwei Jahren der Trennung endlich mit ihrem Kind wiedervereint wird. Zusammen begeben sie sich auf eine gefährliche Reise nach Florida. Eine landesweite Fahndung nach Alton beginnt. Doch je näher die Ermittler den Flüchtenden kommen, desto rätselhafter wird der Fall für sie. Bis auf Alton weiss niemand, was es mit seinen besonderen Fähigkeiten auf sich hat und was sie an ihrem Ziel erwarten wird.

Midnight Special orientiert sich an grossen Vorbildern wie Close Encounters of the Third Kind und Starman. Was als Entführungsdrama beginnt, entwickelt sich zu einem Sci-Fi-Abenteuer mit überirdischem Ausgang. Das Ende wird einige Zuschauer enttäuschen (Erinnerungen an den dritten Akt von A.I. Artificial Intelligence werden wach). Denn Regisseur Nichols überlässt den Grossteil der Arbeit den Zuschauern, die sich die Zusammenhänge selbst erschliessen müssen und bis zum Schluss auf die Folter gespannt werden. Im Vergleich zu Nichols' früheren Werken bleibt Midnight Special allerdings hinter den Erwartungen zurück. Sehenswert wird der Film allein durch die starke Besetzung.

Midnight Special ist nach Shotgun Stories, Take Shelter und Mud der vierte Film von Jeff Nichols. Seine ersten drei Werke wurden von Kritikern gelobt, Midnight Special dürfte hingegen auf gemischte Reaktionen stossen.

Der Film erzählt von der Ohnmacht, die Eltern bezüglich des Schutzes ihrer eigenen Kinder verspüren, und vermischt dabei Familienthemen mit Übernatürlichem. Roy riskiert sein Leben, um Alton an sein Ziel zu bringen. Zugleich weiss er, dass sein Sohn nie wirklich sicher ist. Die Sekte und die Regierungsermittler, aber auch Altons Gabe stellen eine ständige Bedrohung dar, vor der es kein Entkommen zu geben scheint. Zudem weiss Roy selbst nicht einmal genau, was es mit Altons besonderer Gabe auf sich hat.

Ähnlich ahnungslos sind die Zuschauer, die Nichols bewusst lange im Dunkeln tappen lässt. In Take Shelter funktionierte dieses Spiel mit der Fantasie der Zuschauer noch wunderbar. Die Bedrohung wurde durch eindrucksvolle Stimmungsbilder vermittelt, sodass bis kurz vor Schluss nicht klar war, ob die eigentliche Gefahr von aussen oder von innen kam. In Midnight Special geht diese Strategie nicht auf. Die Vorgeschichten und Motivationen einiger Figuren werden nicht erläutert. So ist zum Beispiel völlig unklar, was Lucas dazu bewegt, Roy bei der Entführungen zu helfen und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen.

Nichols verzichtet weitestgehend auf Exposition und überlässt die Denkarbeit den Zuschauern. Dabei setzt er die Story und den Erzählfluss aufs Spiel. Dies wirkt sich auch negativ auf das Tempo des Films aus. Einige Szenen verlangen den Zuschauern viel Geduld ab. Nach jeder Dialogzeile wird bedeutungsvoll geschwiegen. Der Schnitt wirkt zu langsam, das Timing falsch. In den gelungenen Actionszenen gewinnt der Film wieder an Fahrt. Im Kontrast zu dem sonst lähmenden Erzähltempo, überraschen sie mit voller Wucht. Doch leider sind diese Momente zu selten.

Nur die schauspielerischen Leistungen können dies noch aufwiegen. Die Besetzung, zu der auch Adam Driver und Sam Sheperd gehören, überzeugt durch die Bank weg. Michael Shannon, der bisher in jedem Streifen von Nichols mitgespielt hat, zeigt Roy als entschlossenen und zugleich verunsicherten Vater. Ihm zur Seite steht Kirsten Dunst in der Mutterrolle. Schon in ihrer Rolle der Peggy Blumquist in Fargo konnte Dunst beweisen, wie sehr sie als Schauspielerin gereift ist. In Midnight Special gelingt ihr dies erneut. Die Angst, die die Eltern um ihren Sohn haben, ist spürbar. Wenn Alton aufgrund seiner Gabe Schmerzen hat, dann leiden sie mit. Sie bilden den emotionalen Kern der Geschichte. Den Sci-Fi-Faktor hätte es gar nicht gebraucht.

/ swo