Mercenaire (2016)

Mercenaire (2016)

Filmkritik: Do the Haka-Haka

69e Festival de Cannes 2016
Time to say goodbye
Time to say goodbye © Studio / Produzent

Soane (Toki Pilioko) ist ein junger Rugbyspieler, der auf den Wallis-Inseln im Südpazifik lebt. In einer kleinen Behausung direkt am Meer wohnt er mit seinem Vater, seinem jüngeren Bruder und seiner Grossmutter zusammen. Eines Tages bekommt er das Angebot, nach Frankreich zu ziehen, um sich dort einem Rugby-Team anzuschliessen. Ganz zum Missfallen seines Vaters beschliesst Soane, seiner Heimat - und somit auch seiner Familie - den Rücken zu kehren und den grossen Schritt in ein neues Leben zu wagen.

Andere Inseln, andere Bräuche
Andere Inseln, andere Bräuche © Studio / Produzent

Dass in Frankreich alles etwas anders abläuft als in seinem Kulturkreis und man nicht jedem trauen kann, der grosse Versprechen vorträgt, muss Soane schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Aber er schafft es, gute Kontakte zu knüpfen und lernt die Verkäuferin Coralie (Iliana Zabeth) kennen. Eine ganze Odysee von Gefühlslagen durchlebt er auf seinem Weg in die Selbstständigkeit und während des Erwachsenwerdens.

Mercenaire kommt erstaunlich erfrischend daher und bringt neuen Wind in ein angezähltes Genre: Das Sport-Drama hat der Zuschauer langsam gesehen, zu viele und vor allem zu ähnliche Filme wurden in Massen produziert. Die Story hier zielt für einmal nicht auf tragischen Kitsch ab, eventuell auch deshalb, weil sie in ungewohntem Umfeld einer nicht sehr kommerziellen Sportart spielt. Glaubwürdige Charaktere, dargestellt von glaubwürdigen Schauspielern in einer stets spannenden Story. Genau, wie es sein soll!

Im ersten Langspielfilm von Sacha Wolff geht es um einen Rugbyspieler. Hach, schon wieder so ein Sport-Film, in welchem es ein Underdog von der Strasse ganz nach oben schafft, es allen College-Schnöseln zeigt und zum gefeierten Weltstar seiner Sportart wird, meist gekrönt durch irgend einen Weltmeistertitel oder einen wichtigen Sieg im Endkampf in allerletzter Sekunde...

Nichts da! Mann vergesse alle Vorurteile und Zweifel. Denn hier ist gar nichts, wie es erwartet und befürchtet wurde. Mercenaire ist ein Sport-Drama mit Hand und Fuss, mit eigenständiger Bodenständigkeit, stets kennt es seine Wurzeln und nie, aber wirklich gar nie, wird es kitschig dramatisch. Und genau dies ist der grosse Vorsprung, den das Werk gegenüber anderen Genrevertretern besitzt.

Soane selbst ist ein ruhiger, zurückhaltender Charakter, aber ein Kämpfertyp. Er weiss genau, dass er mit viel Arbeit auch viel erreichen kann. Nie agiert er arrogant, er hat genügend "Dreck gefressen", um zu wissen, wo er herkommt und dass alles schneller vorbei sein könnte mit seinem Traum vom erfolgreichen Rugbyspieler, als ihm lieb ist. Diese Eigenschaften machen den Charakter umso liebenswerter. Klar, er agiert zum Teil auch unüberlegt oder aus Emotionen heraus. Aber er bleibt dabei stets menschlich und nachvollziehbar. Genau das Gleiche trifft auf den Charakter von Coralie zu. Hier wurde gute Arbeit bei der Charakterbildung geleistet, auch der verbitterte, enttäuschte Vater und der profitgierige, aber im Herzen doch gute Spieleragent Abraham wirken authentisch, und ihr unberechenbares Handeln erscheint beinahe nachvollziehbar.

Die kulturellen Riten und Ansichten werden schön eingeführt, sind sie zum teil doch sehr differenziert zu den westlichen zu betrachten. Dass der Vater Soane bei der Rückkehr nicht begnadigen will, weil dieser die Familie verliess, dass er dabei auch nicht davor zurückschreckt, ihn ganz zu verbannen und für sich selbst kompromisslose Konsequenzen zu ziehen, ist ganz klar kulturbedingt. Der Stolz der Familie geniesst da einen deutlich höheren Stellenwert, als es hierzulande der Fall ist.

In Sachen Musik wechseln sich rituelle Klänge mit Schnalz- und Zischgeräuschen sowie Didgeridoo-ähnlichen Instrumenten - was für die Ursprünglichkeit, die Riten, die Natur-Religionen steht - mit klassisch-europäischen Orgelklängen ab, welche für den Glauben, das Christentum und die Reinheit stehen. Das sorgt für eine hohe Grundspannung. Ebenfalls gelungen sind die Aufnahmen, bei welchen die Kamera im Überflug das Meer und den Himmel filmt und sich dabei die Kameraachse horizontal verschiebt.

Dass die Integration Soanes dann - nach anfänglichen Reibereien- eher schnell vonstatten geht, kann man verzeihen, liegt der Fokus doch eher auf dessen innerer Zerrissenheit: Da die Familie, die Heimat, die Ursprünge, dort das Neue, Unbekannte, die grosse Chance, in einem guten Team spielen zu können.

/ yab