Me Before You (2016)

Me Before You (2016)

Ein ganzes halbes Jahr
  1. ,
  2. 110 Minuten

Filmkritik: Live boldly

Das rote Kleid vom Filmplakat
Das rote Kleid vom Filmplakat

Louisa Clark (Emilia Clarke) ist Mitte zwanzig und wohnt noch bei ihren Eltern, einer typischen Arbeiterfamilie, in einer britischen Kleinstadt. Nach dem Verlust ihrer Arbeit in einem kleinen Café läuft ihre Jobsuche nicht gerade erfolgreich, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch bei der ansässigen Familie Traynor erscheint. Aus der Not nimmt Louisa den Pflegejob an und muss zu ihrer Überraschung feststellen, dass es sich bei dem Pflegebedürftigen um den Sohn des Hauses handelt.

Modeexpertin Lou und Neville Longbottom
Modeexpertin Lou und Neville Longbottom

Gezeichnet von einem schweren Motorradunfall nimmt Will Traynor (Sam Claflin) kaum noch am Leben teil. Unrasiert mit langen Haaren und jeder Menge Zynismus, macht er nicht nur sich selbst das Leben schwer. Will wirkt wie das komplette Gegenteil der aufgeweckten und lebensfrohen Lou. Sie beschliesst, das Beste aus ihrem Job zu machen und Will wieder ein Stück Lebensfreude zurückzugeben. Missglückte Kochversuche, Filme mit Untertiteln und ein Ausflug auf die Pferderennbahn bringen die beiden einander näher.

Me Before You ist ein klassisches Genrewerk und eine Adaption für sein eigenes Publikum. Jojo Moyes' Geschichte ist aber auch eine moderne Cinderella-Story. Emilia Clarke geht voll in ihrer Rolle auf, sie ist sehr charmant und strahlt über beiden Ohren. Es macht wirklich Spass ihr zuzusehen. Neben ihr überzeugen die eindimensionalen Nebenfiguren leider selten. Inhaltlich werden zu viele Klischees bedient und filmisch wird kaum etwas geboten. Es ist eine typische Verfilmung eines romantischen Romans, unterlegt mit der Musik von Ed Sheeran.

Die Verfilmung des gleichnamigen Beststeller-Romans von 2012 ist eine nationale Angelegenheit. Mit Thea Sharrock hat man eine britische Theaterregisseurin hinter der Kamera, die Buchautorin Jojo Moyes hat auch das Drehbuch geschrieben und so gut wie alle Rollen sind mit britischen Schauspielern besetzt. Fans des Buches dürfen also auf eine detailgetreue Umsetzung und authentische britische Akzente hoffen.

Me Before You zielt genau auf das Herz der Zuschauer. Das einfache Mädchen aus der Kleinstadt trifft auf den attraktiven Sohn einer wohlhabenden Familie, eine Geschichte wie im Märchen. Nur dass der Prinz hier leider einen Motorradunfall hatte und seitdem gelähmt im Rollstuhl sitzt. Ausserdem hat er seinen Willen zum Leben verloren und vegetiert auf dem Landsitz seiner Eltern mehr oder weniger vor sich hin. Trotz dieser kleinen Änderungen der Grundgeschichte verbreitet der Film eine positive Grundstimmung, wie so viele romantische Liebesfilme. Dafür sorgt vor allem Emilia Clarke, die mit ihrem lustigen Overacting die Rolle des leicht naiven Mädchens sehr gut mimt. Sowohl ihr Charakter als auch ihre Einstellung zum Leben sind das komplette Gegenteil von Will Traynor. Ihr zweifelhafter, aber amüsanter Modegeschmack sorgt zudem dafür, dass allein schon ihre Anwesenheit für Unterhaltung sorgt.

Visuell bietet Me Before You wenig, der Film ist sparsam bei den Schauplätzen und auf die erste Detailaufnahme wartet man lange. Eine mehrfach belichtete Montagesequenz ist wohl das einzige filmische Highlight. Auch bei der Musik wird auf Bewährtes zurückgegriffen, es gibt keinen Ortswechsel, der nicht mit einem aktuellen Popsong unterlegt wird. Während vom eigenen Soundtrack nur das Titelstück genutzt wird, greift man häufiger auf Ed Sheeran zurück, um die Zuschauer leichter in die richtige Stimmung zu bringen.

Die emotionale Beeinflussung funktioniert dabei nur bedingt, die Geschichte ist einerseits zu klassisch und in ihrem ernsten Aspekt nicht tiefgründig genug. Wir sehen Will Traynor nie allein oder im Dialog mit seiner Familie, seine schlechte Laune und sein Sarkasmus wirken dadurch oberflächlich. Die Nebenfiguren sind einschichtig und dienen nur der Geschichte von Louisa Clark. In einer Szene amüsieren sich Will und Lou über das Stereotyp der reichen Grossstadtfrau, obwohl sie sich selbst in einem klischeebeladenen Film befinden.

/ sma