Mathias Gnädinger - Die Liebe seines Lebens (2016)

Mathias Gnädinger - Die Liebe seines Lebens (2016)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: «Seid nicht traurig!»

O Sole Mio...
O Sole Mio... © Impuls Pictures AG

Auf die doppelte Freude folgte der doppelte Schock. Noch ernteten Mathias Gnädinger und Jörg Schneider für ihren gemeinsamen Film Usfahrt Oerlike Standing Ovations, wenige Monate später haben die beiden beliebten Charakterköpfe die Ausfahrt aus dem Leben genommen. Schneider stirbt an Krebs, nur wenige Monate nachdem er seinen völlig überraschend verstorbenen Kollegen Gnädinger zu Grabe tragen musste. Die Dreharbeiten zu dessen letztem Film Der grosse Sommer konnten noch rechtzeitig abgeschlossen werden.

...hätte ihr wohl unser Schaffhauser Pavarotti gesungen.
...hätte ihr wohl unser Schaffhauser Pavarotti gesungen. © Impuls Pictures AG

Eng an seiner Seite begleitete ihn während seiner letzten Jahre Ursula: Betreuerin, Gesprächspartnerin, Managerin - Jugendliebe und Ehefrau. Die Liebesgeschichte der beiden ist ebenso filmreif wie berührend. Mit 20 Jahren verloren sich die beiden aus den Augen und haben sich erst um die Jahrtausendwende wieder getroffen. Durch Gnädingers Tod wurden sie diesmal auf ewig voneinander getrennt. Regisseur Stefan Jäger, mit dem Gnädinger seinen letzten Film gedreht hat, nimmt dies zum Anlass, die Liebesgeschichte der beiden sowie Mathias' Leben und Schaffen zu würdigen.

Mathias Gnädinger - Die Liebe seines Lebens ist eine Reise wie im Schnellzug durch Mathias Gnädingers Leben. Aussteigen kann man nicht, aber an wichtigen Stellen wird abgebremst, sodass man sich die Szenerie etwas genauer betrachten kann. Der Film fokussiert zwar auf Gnädingers letzte 15 Lebensjahre, kommt aber nicht darum herum, Mensch und Wesen des Volksschauspielers ganzheitlich zu ergründen und sein Schaffen (u.a. Das Boot ist voll, Leo Sonnyboy, Sternenberg) Revue passieren zu lassen. Regisseur Stefan Jäger inszeniert die filmreife Liebesgeschichte zwischen Ursula und Mathias Gnädinger berührend, woraus sich schliesslich eine schöne Hommage an das Schaffhauser Original entfalten kann.

Mathias Gnädinger - Die Liebe seines Lebens beleuchtet in einer temporeichen Tour de Suisse nochmals Mathias Gnädingers gesamtes Leben. Doch das lässt sich bei Mathis - wie er sich gerne nennen lässt - ohnehin nicht scharf trennen. Das Phänomen Gnädinger lebt sein Naturell vor der Kamera und auf der Bühne aus. Das sizilianische Temperament seiner Mutter gepaart mit dem Mundwerk seiner Schaffhauser Ahnen ("Gopfertelli, Sternesiech!" etc.) vermengen sich zu einem unverwechselbaren Markenzeichen, das er auch seinen Figuren einhaucht. Was wären Leo "Sonnyboy" Mangold, Kommissar Hunkeler oder Lüthi und Blanc-Bauer Ruedi Egger ohne den Mathias Gnädinger dahinter!

Jägers Hommage weckt die Neugierde auf diese magische Profanität, die Gnädingers knorrige Art ausstrahlte und die er hinter seinem sanftmütigen Alpenkuh-Blick verbarg, der sein Wesen so treffend widerspiegelte. Die schweizerische Bodenständigkeit, die er vom bäuerlichen Jugendhaus in Ramsen in die Welt hinausträgt, bringt ihm überall Sympathien ein. Ob nun am Wiener Burgtheater, der Berliner Schaubühne, oder beim sozialen Engagement in Burkina Faso: Seine direkte und geerdete Art verlockten ihn nie dazu, die Bodenhaftung zu verlieren. Auch eine Oscar-Nomination (für Das Boot ist voll) liess ihn nüchtern bleiben. Kein Wunder, liess sich einst ein Wegbegleiter dazu verleiten, ihn mit der ungefähr 650 Jahre alten Ramsener Schüppel-Eiche zu vergleichen.

Die Liebe zu seiner letzten Frau Ursula steht im Zentrum des Films. Ohne sie wäre er nicht da, wo er nun sei, äusserte sich Gnädiger unlängst. Dass die Hommage von dieser intimen Seite aus angegangen wird, ermöglicht es uns, Gnädingers sensibler Seite näherzukommen. Dem absoluten Profi, der nur während der Arbeit im Rampenlicht stehen will, dem fürsorglichen Familienvater, dem spirituell Suchenden. "Einen solch guten Menschen findet man nicht mehr." Die Aussage seines Sohns Gilles spricht Bände. Sentimental oder tränenlastig wird's trotz solcher Worte nicht. Ganz im Stile Gnädingers, der nur schon aufgrund seines ehrlichen und rustikalen Naturells von jeher gegen jegliche Art von Kitsch immun schien, schaut man die 80 Minuten Film mit (mindestens) einem lachenden Auge.

Auf Pathos und masslose Lobeshymnen wurde verzichtet. Die Zeitzeugen verbeugen sich ehrlich und aufrichtig vor der Imposanz des sanften Riesen. Überhaupt haben sich nebst Gnädingers Familie nochmals viele seiner Freunde und Gefährten versammelt, um ihm Ehre zu erweisen. Und listet man sie auf, liest sich das wie ein Who is who der Schweizer Theater- und Filmszene: Sara Capretti, Katja Früh, Mike Müller, Paul Rinikier, Daniel Rohr, Christoph Schaub sind nur einige von vielen Persönlichkeiten, die zu Wort kommen. Sie haben etwas zu erzählen - und es gibt viel zu erzählen -, und aus diesen einzelnen biographischen Versatzstücken fügt sich ein kohärentes und plastisches Bild des grossartigen Volksschauspielers zusammen. Obwohl Mathias Gnädinger für uns unerreichbar wurde, führt uns diese Hommage näher an ihn heran als wohl je zuvor.

/ arx

Trailer Schweizerdeutsch, 01:54