Manchester by the Sea (2016)

Manchester by the Sea (2016)

  1. 135 Minuten

Filmkritik: Reise in die Vergangenheit

41st Toronto International Film Festival
Mit Bruder...
Mit Bruder... © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Schwerer Schlag für den Bostoner Hauswart Lee Chandler (Casey Affleck): Sein Bruder Joe (Kyle Chandler) ist nach einer Herzattacke verstorben. Als er die Nachricht hört, macht er sich sofort nach Manchester-by-the-Sea, Massachusetts, auf, wo die beiden aufwuchsen und Joe zuletzt mit seinem Sohn Patrick (Lucas Hedges) wohnte. Da sich jemand um die Organisation der Beerdigung kümmern muss, beschliesst Lee eine Weile zu bleiben. Er zieht in Joes Haus ein und verbringt somit viel Zeit mit seinem Neffen.

...war alles einfacher.
...war alles einfacher. © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Doch allzu lange möchte Lee nicht in Manchester bleiben. Er hat Schlimmes in seiner ehemaligen Heimat erlebt und selbst kleinste Dinge erinnern ihn an die tragischen Ereignisse. Als bei der Verlesung von Joes Testament herauskommt, dass Lee das Sorgerecht für Patrick hat, stehen die Betroffenen vor Problemen: Einen Verbleib in Manchester kann sich Lee überhaupt nicht vorstellen, während Patrick nicht aus seinem sozialen Umfeld herausgerissen werden möchte. Wie werden die beiden dies lösen?

Manchester by the Sea ist gelungenes Drama-Kino, welches zwar nicht immer einfach anzusehen ist, aber berührend und sackstark gespielt ist. Mit Hilfe einer guten Portion Humor lässt Regisseur Kenneth Lonergan seinen Film nicht in totale Depro-Gefilde abstürzen, was die Geschehnisse zudem glaubhafter macht und einen auch emotional näher an die Figuren bringt. Es braucht zwar eine Weile, bis der Film auf Touren kommt, doch entschädigt eine starke zweite Hälfte für die etwas ziellose erste. Empfehlenswert.

In Manchester by the Sea werden heikle Themen angepackt: Tod, Verantwortung, Vergangenheitsbewältigung. Tonnenweise Antidepressiva müssen jedoch nicht nach dem Film geschluckt werden. Denn Regisseur Kenneth Lonergan ist ein feinfühliges Drama gelungen, das auch einiges an Humor aus Alltagssituation ziehen kann.

Dabei beginnt das alles recht ziellos. In einem unaufgeregten Erzähltempo sehen wir die Protagonisten ihrer Wege gehen, wobei es schwierig ist, sich mit Casey Afflecks Figur gross zu identifizieren. Sein Lee ist ein äusserst stiller Zeitgenosse, der selten den Mund aufmacht: Affleck hat das Spielen solcher Figuren perfektioniert und es scheint, als hätte Lonergan ihm diesen Part auf den Leib geschrieben. Dass unter der ruhigen Oberfläche mehr lauert, deutet Lee mit kurzen Gewaltausbrüchen zwischendurch etwas an. Doch können diese kaum auf den zeitlich in der Vergangeheit stattgefundenen Schicksalsschlag vorbereiten, welcher in der Mitte des Filmes offenbart wird. Dieser ist einfach nur brutal und auf einen Schlag wird der gemächliche Film zum packenden Drama, das einen auch lange nach dem Abspann nicht mehr loslässt.

Wird man sich aufgrund der gezeigten Tragödie mit Schrecken an Manchester by the Sea zurückerinnern, sodass man ihn nie wieder schauen möchte? Definitiv nicht. Der Film bricht einem zwar das Herz, aber Lonergan flickt es langsam wieder zusammen. Denn auch wenn die Umgebung, in welcher der Film spielt, aufgrund der Winterjahreszeit äusserst kalt ist, strahlen die Figuren und die Situationen, in die sie geraten, eine angenehme Wärme aus. Lonergan legt dabei mit Humor immer noch eine Schippe an Brennholz obendrauf, sodass man sich wohlfühlt. Wenn der von Lucas Hedges toll gespielte Patrick seinem Onkel mit verzweifelter Stimme mitteilt, dass er seine Heimat unter anderem nicht wegen seinen zwei (!) Freundinnen verlassen will, kann man fast nicht anders, als herauszulachen.

Lonergan findet mehrmals Lacher an den ungewöhnlichsten Orten, wie es oft ja auch im Leben ist. Diese Realitätsnähe, welche sich durch Manchester by the Sea zieht, kombiniert mit dem Humor und dem Drama ergibt eine gelungene Mischung, welche das Werk zum stillen Erlebnis macht. Wäre nur etwas von diesen drei Elementen zu stark gewichtet worden, es wäre ein peinlicher, langweiliger oder sogar kitschiger Film dabei herausgekommen. Lonergan meistert den Balanceakt jedoch sensationell. Eine Szene mit Matthew Broderick als Stiefvater steht zwar etwas schief im Ganzen, aber möge man dies diesem berührenden Film verzeihen. Eine kleine Perle mit grosser Wirkung.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd

Kommentare Total: 5

sma

Manchester by the Sea ist ein tieftrauriger Film über die Trauer selbst. Die Inszenierung von Kenneth Lonergan ist fehlerlos und extrem konsequent, handwerklich passt hier alles zusammen. Die langsame Enthüllung von Lee Chandlers Schicksal in Form von Rückblenden ist extrem gelungen und Casey Affleck geht komplett in der Rolle auf. Er überragt alle anderen Darsteller, inklusive der starken Michelle Williams. Wie nuanciert der Film ist, wird auch bei den vielen wirklichen witzigen Momenten deutlich, die dafür sorgen, dass man nicht die kompletten 138 Minuten in einer Depression versinkt.

andycolette

My goodness nochmals gesehen war beim
2 mal gar unter Schock und bekam fast keine Luft. Klar der beste Film des Jahres da kann La La Land noch soviele Oscar gewinnen. Gegen dieses unfassbare Familien und beziehungs Drama kommt er nie ran. Casey affleck gewinnt sowieso Szene mit Michelle Williams und casey affleck etwas vom besten
Oder das beste wo ich je gesehen habe . Soviele Sterne und Preise gibt es nicht die diesem unfassbaren masterpiece gerecht werden! Habe viele superfilme gesehen aber Manchester by the sea my goodness! ???

yan

Für einmal bin ich mit den Ausrufezeichen von andycolette einverstanden. ;)

Ein unglaublich packendes und zutiefst trauriges Drama, das seine Flashbacks nutzt wie kein anderer Film vor ihm. Gewaltig!

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen