Magnus (2016)

Magnus (2016)

  1. 78 Minuten

Filmkritik: Carlsen vom Dach

12. Zurich Film Festival 2016
Denkprozesse
Denkprozesse © Studio / Produzent

Magnus Øen Carlsen ist ein Mann der Rekorde. Die jüngste Nummer 1 der Weltrangliste, der Spieler mit der höchsten Elo-Zahl (Wertungszahl) aller Zeiten und der jüngste Schachweltmeister. Der Junge aus Tønsberg, Norwegen, ist in seiner Heimat ein Popstar. Dort ist der Schachsport inzwischen so populär, dass Magnus Spiele als Events im Fernsehen gezeigt werden. Norwegens Sportler des Jahres 2013 hat eine ganze Generation zu Schachspielern und Fans gemacht.

In Magnus bekommt man die Entwicklung eines Genies zu sehen. Seine Kindheit in den Neunzigerjahren, die ersten internationalen Erfolge zu Beginn des Jahrtausends und sein Weg auf den Thron der Schachwelt. Vor allem am Anfang der Karriere von Magnus Carlsen liegt der Fokus auf der menschlichen Seite: die eigene Familie als Stützpfeiler und die eigene Begabung als Nachteil im sozialen Leben. Am Spielbrett fordern ihn nacheinander einige der bekanntesten Schachgrossmeister unserer Zeit.

Magnus gibt uns einen Einblick in das Leben eines aussergewöhnlichen Menschen. Die einfache Geschichte ist geradlinig erzählt, vom introvertierten Kind zum Weltmeister. Dabei bekommt man unter anderem Heimvideoaufnahmen aus dem Hause Carlsen und viel vorhandenes Material aus Übertragungen und Reportagen zu sehen. Magnus Carlsen ist eine dankbare Figur, da bei der Erfolgsgeschichte auch seine menschliche Seite gezeigt wird. Die kurze Laufzeit von 75 Minuten lässt keinen Platz für kritische Fragen.

Rekorde sind dafür da, um gebrochen zu werden. Jeder Sport bringt alle paar Jahre ein neues Wunderkind hervor, eine Person, die den Sport selbst und alle Beteiligten erschüttert. Für den Schachsport ist es Magnus Carlsen. Oder, wenn man den Kommentatoren Glauben schenkt, der "Mozart des Schachs".

Die Bildqualität einer Videokamera ist heute eher erschreckend, aber es ist ein Glücksfall für Regisseur Benjamin Ree, dass es diese Aufnahmen aus Carlsen Kindheit gibt. Auf ihnen sieht man einen kleinen Jungen, nachdenklich und fast abwesend, fernab der anderen Kinder. Dazu hört man aus dem Off die Erklärung des Vaters, Magnus sei schon immer anders gewesen. Es gibt im Film mehrere sehr persönliche Einblicke, die wohl nicht jeder Sportler gerne in der Dokumentation über den eigenen Erfolg sehen würde. Das Genie Magnus Carlsen wird als verletzlicher Mensch gezeigt; jemand, der anders ist, sich aber trotzdem mit den "normalen" Menschen arrangieren kann.

Beim Spiel werden mögliche Züge auf dem Schachbrett visualisiert, um die Gedankengänge anzudeuten. Während erfolgreiche Schachspieler seine Intuition loben, scheitern die Computerexperten an den Erklärungsversuchen, wie Magnus' Gehirn funktioniert. Dieselben Experten, mit denen sein grösster Gegner im Film, der amtierende Weltmeister Vishy Anand, zusammenarbeitet. Es wirkt wie ein Sieg des Menschen über die Maschine.

Die Familie als Fels in der Brandung spielt im Film so eine grosse Rolle, dass man zwangsläufig zu der Frage kommt, warum die Mutter nur in den Heimvideos zu sehen ist. Für kritische Fragen und Misstöne ist ebenfalls kein Platz. Es ist schwer vorstellbar, dass der introvertierte Carlsen überall ausserhalb von Norwegen nur Begeisterung ausgelöst hat.

Magnus ist filmisch ähnlich simpel wie seine Geschichte, immerhin hat man ein gelungenes wiederkehrendes Musikstück. Neben Magnus' Vater aus dem Off hört man vor allem den Sportkommentator, ein klassischer Erzähler fehlt. Der Film zeigt nicht nur Carlsen, sondern auch seinen Sport in einem positiven Licht. Es ist ein interessanter Einblick in den Werdegang eines Genies. Was wirklich passiert, wenn Magnus Carlsen sich ins Gesicht fasst und gedanklich abdriftet, bleibt aber sein Geheimnis.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:44