Ma vie de Courgette (2016)

Ma vie de Courgette (2016)

Mein Leben als Zucchini
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  3. 66 Minuten

Filmkritik: Leben im Kinderheim

69e Festival de Cannes 2016
Hände hoch!
Hände hoch! © Praesens Film

Der kleine Courgette ist 10 Jahre alt und wohnt alleine mit seiner Mutter, einer Alkoholikerin. Er hat es nicht einfach und verbringt die meiste Zeit auf seinem Zimmer beim Malen und Basteln. Doch eines Tages stirbt die Mutter plötzlich bei einem tragischen Unfall, an dem Courgette Mitschuld trägt - was jedoch niemand weiss. Vom Polizisten Raymond wird er daraufhin in ein kleines, ausserhalb der Stadt gelegenes Kinderheim gebracht.

Ins Herz getroffen
Ins Herz getroffen © Praesens Film

Zuerst gefällt Courgette seine neue Umgebung gar nicht: Vor allem der freche Simon, Anführer der Truppe, hänselt ihn ständig - beim Essen, im Unterricht, sogar in der Nacht. Doch nach und nach erfährt Courgette mehr über den Hintergrund der anderen Kinder, darunter tragische Familienschicksale von deportierten, drogensüchtigen oder gewalttätigen Eltern. Alles ändert sich, als das Heim einen neuen Neuankömmling erhält, nämlich die aufgeweckte, selbstbewusste Camille. Sogleich macht sie Simon den Platz streitig, und Courgette verliebt sich natürlich Hals über Kopf in sie. Doch auch Camille hat eine dunkle Vergangenheit.

Endlich wieder mal ein Schweizer Film in Cannes! Und noch dazu ein guter! Claude Barras präsentiert mit Ma vie de courgette einen Stop-Motion-Film, der sowohl witzig wie auch traurig, sowohl kurzweilig wie auch tief berührend ist. Im Zentrum steht eine Gruppe von Waisenkindern und ihre Suche nach Freundschaft, Zukunftsperspektiven und, letzten Endes, Liebe. Ein ernstes Thema, das von den Machern bei allem Animations-Charme keineswegs beschönigt wird - da vergisst der Zuschauer glatt, dass vor ihm auf der Leinwand nur Puppen zu sehen sind. Und dies zeichnet schliesslich jeden gelungenen Animationsfilm aus.

Zuletzt hat 2007 ein Stop-Motion-Animationsfilm aus der Westschweiz für Aufsehen gesorgt, wenn auch primär wegen seiner Produktionsumstände: Max & Co. gilt als der teuerste Schweizer Film aller Zeiten und ist an der Kinokasse spektakulär gescheitert. Auch inhaltlich fiel der Film durch: Eine überaus konventionelle Tierfabel, die viel zu sehr im Windschatten von Dreamworks-Blockbustern wie Flushed Away produziert wurde.

Ganz anders bei Ma vie de courgette: Auch für Schweizer Verhältnisse eine regelrechte Independent-Produktion, ist der Film das Produkt von viel Herzarbeit einer kleinen Gruppe von Animatoren und Filmemachern, und das über einen Zeitraum von drei Jahren. Das Budget war zweifellos bei weitem kleiner als bei Max & Co., was sich an der geringen Anzahl von Schauplätzen und der doch etwas mageren Laufzeit von 66 Minuten bemerkbar macht. Doch Claude Barras und sein Team münzen diese Einschränkungen zum Vorteil um, indem sie den Film in dem realitätsnahen Mikrokosmos eines Kinderheimes ansiedeln. Statt grosse Fantasy-Welten zeigen sie uns das Leben im Heim mit viel Präzision und Detailverliebtheit, vom Stimmungs-Wetterbericht an der Türe bis zum Essen in der Kafeteria. So zeigt sich einmal mehr, dass nicht jeder Animationsfilm in bombastischen Welten à la Zootopia spielen muss.

Abgesehen vom durchaus düsteren Inhalt - es geht um alleingelassene, oftmals missbrauchte Kinder - hebt sich Ma vie de courgette auch ästhetisch vom Klischee des "seichten" Kinderfilms ab. Die Farben sind zwar kräftig, oft aber auch kühl gehalten, während hartes Winter- oder Herbstlicht den Figuren lange Schatten gibt. Die anfänglichen Szenen in Courgettes düsterer, kahler Dachkammer erinnern in ihrer expressionistischen Qualität gar entfernt an Das Cabinet des Dr. Caligari. Ein näheres Vorbild war zweifellos das Werk von Tim Burton: Es braucht nicht viel, um beim Anblick von Courgette mit seinem drahtigen Körper, dem bleichen, überdimensionierten Kopf und den riesigen Augen an die Protagonisten von Corpse Bride und Frankenweenie zu denken. Auch die ebenfalls von den Erwachsenen im Stich gelassenen Hauptfiguren aus Coraline und Mary and Max kommen einem in den Sinn.

Doch die Kombination dieser Ästhetik mit der ultra-realitätsnahen Geschichte ist es, was Barras' Film so frisch und unverbraucht daherkommen lässt. Zu verdanken hat er dies der Drehbuchautorin Céline Sciamma, welche sich mit Tomboy und Bande de filles bereits als feinfühlige Beobachterin des Erwachsenwerdens bewiesen hat. Schade ist einzig, dass die Handlung ausnahmsweise nicht zu viel, sondern zu wenig des Guten bietet. Wie erwähnt ist die Laufzeit des Filmes sehr kurz gehalten und das macht sich im Drehbuch insofern bemerkbar, als dass der zentrale Konflikt etwas mager ausfällt und zu schnell aufgelöst wird. Man wird das Gefühl nicht ganz los, dass Courgettes Probleme etwas arg schnell aus dem Weg geräumt werden, um trotz der ernsten Ausgangslage schnellstmöglich ein Happy End bieten zu können.

Ein Happy End ist der fertige Film zweifellos für die Macher: Mit Ma vie de courgette ist ihnen ein wunderschöner Animationsfilm gelungen, der den Vergleich mit grossen Vorbildern nicht scheuen muss.

/ Jonas Ulrich [jon]