Ma Loute (2016)

Ma Loute (2016)

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  2. 122 Minuten

Filmkritik: Romeo und Julia auf dem Sumpfe

69e Festival de Cannes 2016
"Kopilot? Brauch ich nicht."
"Kopilot? Brauch ich nicht." © Praesens Film

Sommer 1910 an einem idyllischen Dünenstrand in der Normandie: Der reiche André van Peteghem (Fabricé Luchini) aus Lille möchte zusammen mit seiner Frau Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi) und seinen beiden Töchtern einige erholsame Tage in seinem Strandhaus verbringen. Ebenfalls mit von der Partie sind Isabelles Bruder Christian (Jean-Luc Vincent), Andrés Schwester Aude (Juliette Binoche) und deren Sohn Billie (Raph). Dieser wäre lieber ein Mädchen und verkleidet sich daher gerne mit Rock und Perücke.

Gruppenknuddeln!
Gruppenknuddeln! © Praesens Film

In diesem Outfit lernt er den lokalen Fischerjungen Ma Loute (Brandon Lavieville) kennen, der mit seinem Vater gegen Geld reiche Touristen über den Sumpf trägt. Billie verschweigt Ma Loute, dass er ein Junge ist, und die beiden verlieben sich. Währenddessen untersuchen zwei unbeholfene Polizisten, der schwergewichtige Machin (Didier Desprès) und dessen treu ergebener Gehilfe Malfoy (Cyril Rigaux) das mysteriöse Verschwinden von mehreren Touristen. Ob die Fischerfamilie von Ma Loute etwas damit zu tun hat?

Wäre Ma Loute ein englischer Film, wäre es wohl einfach eine handelsübliche schwarze Komödie geworden. Der Franzose Bruno Dumont macht daraus hingegen... nun ja, was genau? Ein wunderschön gefilmtes hysterisches Kostüm-Liebesdrama mit makaberen komödiantischen Elementen. Seltsam ist dabei, dass trotz dieser wilden Genremischung irgendetwas zu fehlen scheint. So verkommt der Film in der zweiten Hälfte zu einem mässig lustigen Kasperlitheater für Erwachsene.

Zunächst wähnt man sich bei Ma Loute in einer Slapstick-Komödie. Spätestens wenn der dickbäuchige Polizist Machin das erste - und garantiert nicht letzte - Mal das Gleichgewicht verliert und die Sanddüne runterkullert, ist für Gelächter gesorgt. Die beiden depperten Polizisten Machin und Malfoy sind eine Art Mischung aus Dick & Doof und Schulze & Schultze aus den "Tim und Struppi"-Comics. Regisseur Bruno Dumont hat offensichtlich ein Faible für sonderbare Ermittler, hat er doch bereits in seiner Miniserie Ptit Quinquin ein exzentrisches Ermittlerduo in Szene gesetzt. Machin und Malfoy sind hier jedoch nicht die einzigen, die auf die Schnauze fallen: Den dekadenten reichen Schnöseln in der Familie van Pateghem passiert das selbst andauernd - insbesondere Fabrice Luchini als buckligem Jammerlappen, der die Bezeichnung "Familienoberhaupt" kaum verdient.

Die Welt, die hier gezeigt wird, ist eine seltsame: Sie besteht aus inzestuösen Trotteln auf der einen Seite, aus ungeschlachten Menschenfressern auf der anderen. Jawohl: Inzest und Kannibalismus. Themen, die irgendwie nicht mehr so recht zum lüpfigen Slapstick passen wollen. So entwickelt sich der Film weiter zu einem bizarren Romeo-und-Julia-Liebesdrama, in dem ein schüchterner Menschenfresser und ein Knabe, der sich als Mädchen ausgibt, die sympathischsten unter lauter Spinnern sind.

Das klingt jetzt alles ein bisschen vielversprechender, als es wirklich ist. Denn ist der Schwung vom Beginn erstmal weg, wird's zäh. Wenn zum x-ten Mal eine Figur kopfüber auf die Schnauze fällt, beginnt auch der grösste Slapstick-Fan langsam mit den Augen zu rollen, insbesondere, weil zwischendurch immer wieder sehr viel reichlich überdrehte Szenen zu ertragen sind. Dem namhaften Cast hat's aber sichtlich Spass gemacht. Die italienische Regisseurin und Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi und vor allem Juliette Binoche - bisher nicht bekannt als die grösste Ulknudel auf dem Planeten - geniessen es sichtlich, sich so richtig zum Kalb zu machen.

Gerade deswegen wird der Film von Bruno Dumont mit fortlaufender Dauer immer zäher. Zwei Stunden sind für ein solches Gehampel einfach zu lang. Was der Film jedoch auch noch in den abstrusesten Szenen bieten kann, sind wunderbare Bildkompositionen: Wenn Juliette Binoche beispielsweise plötzlich über den Klippen schwebt, ist das zwar inhaltlich ein ausgemachter Quatsch, optisch jedoch ein so schöner Anblick, dass man ihn am liebsten rahmen möchte. Oder wenigstens zum Bildschirmschoner machen. Und sich nicht zu viel dabei überlegen, was mit diesem Budget wohl auch hätte für ein Film herausschauen können.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:54