Lion (2016)

Lion (2016)

Lion - Der lange Weg nach Hause
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  2. 118 Minuten

Filmkritik: Gut gebrü(e)llt

12. Zurich Film Festival 2016
"Sorry, Kängurus hatte es keine mehr."
"Sorry, Kängurus hatte es keine mehr."

1987: Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) lebt mit seinen Geschwistern und seiner Mutter in der indischen Pampa. Zusammen mit seinem Bruder geht er jeweils auf kleinere Raubzüge, an deren Ende jeweils etwas Geld für die Familie herausschaut. Als die beiden eines Nachts unterwegs sind, verliert Saroo jedoch seinen Bruder aus den Augen. Müde legt er sich in einen Zug, welcher losfährt und über 1600 Kilometer lang bis Kalkutta keinen Halt macht. Saroo ist vollkommen verloren und hat keine Ahnung, wie er wieder nach Hause kommen soll. Als er zu einer Kinderauffangstelle gebracht wird, adoptiert ihn von dort aus das Paar John (David Wenham) und Sue Brierley (Nicole Kidman), welche den Jungen in ihre Heimat Australien bringen.

Die Wand des Wahnsinns
Die Wand des Wahnsinns

20 Jahre später studiert Saroo (Dev Patel) Hotel Management. Als er jedoch während einer Party mit indischem Essen aus seiner Kindheit konfrontiert wird, löst dies etwas aus. Er erzählt seine Geschichte seinen Freunden, die ihm dann raten, seinen Heimatort mit Google Earth zu suchen. Wird Saroo mit diesem technischen Hilfsmittel wieder mit seiner Familie vereint? Und wie wird Ersatzmutter Sue es auffassen, dass Saroo auf die Suche nach seiner wahren Mutter geht?

Lion besitzt viele Elemente eines typischen Oscar-Filmes, doch fühlt sich das Endergebnis weit weniger manipulativ an, als man annehmen könnte. Der Film von Garth Davis berührt und hat mit dem jungen Sunny Pawar und Hollywoodstar Nicole Kidman zwei umwerfende Performances zu bieten, die einen immer dann wieder in den Film hineinziehen, wenn man droht von der Berechenbarkeit des Filmes hinausgeworfen zu werden. Starkes Gefühlskino.

Aufgrund mehrerer Flops steht es Ende 2016 nicht mehr so gut um die Weinstein Company. Das Studio, das in den Neunzigern Leute wie Quentin Tarantino gross gemacht hat, braucht dringend einen Hit, der nicht nur viel Geld einspielen, sondern idealerweise noch einige Goldmännchen einbringen soll. Auftritt Lion, denn das Drama schreit geradezu nach Oscar: wahre Geschichte, ein ansehnlicher Cast und viele Szenen, die als Clip bei Preisverleihungen eingespielt werden können. Doch trotz dieses Anbiederns berührt Lion, auch wenn die Qualität nicht durchgängig gehalten werden kann.

Lion beginnt ungemein stark. Wie Saroo und sein Bruder auf den Zügen herumturnen, erinnert ungemein an Danny Boyles Oscar-Abräumer Slumdog Millionaire. Fehlt eigentlich nur noch, dass M.I.A.s "Paper Planes" eingespielt wird und die Kopie wäre perfekt. Doch die Leichtigkeit verabschiedet sich, als es auf den schicksalhaften, unfreiwilligen Zugtrip geht. Es ist nie leicht, ein Kind fernab seines Zuhauses zu sehen, und wie der Kleine nach Hilfe ruft, ist schwer verdaulich. Dies gipfelt in einer fast schon klaustrophobischen Szene am Bahnhof von Kalkutta, wo niemand die Sprache des Jungen spricht und er nur herumgeschubst wird. Regisseur Garth Davis filmt dies auf Saroos Augenhöhe, was äusserst effektiv ist.

Der Film wird dann später in den Szenen mit dem erwachsenen Saroo ein wenig ein Opfer seines starken Starts. Dev Patel spielt seinen Part zwar überzeugend, aber gegen den süssen Sunny Pawar hat er keinen Stich. Saroos Selbstsuche ist weiter ein zu wenig ausgearbeiteter Teil des Filmes, was auch vom Subplot um seinen Adoptivbruder gesagt werden kann. Geradezu glänzen kann im Gegensatz Nicole Kidman als Ersatzmutter. Mit einem Kurzhaarschnitt und wenig Make-up gibt Kidman diesen Part absolut glaubhaft und rührt mit ihrer Performance einer Frau, die mit ihrer Liebe Gutes tun will, zu Tränen. Verschwendet ist hingegen Rooney Mara als Saroos Freundin. Sie gibt dem Film kaum etwas und ihre Rolle hätte ohne Probleme gestrichen werden können.

Für all jene, welche die wahre Geschichte hinter Lion kennen, ist die zweite Hälfte eine kleine Geduldsprobe. Trotzdem kann dies den Film nicht erschüttern, findet er doch zu einem schönen Ende, welches einen mit einem guten Gefühl aus dem Kino entlässt. Man kann Lion schon als "berechnend" bezeichnen, aber Garth Davis findet die richtigen Mittel, damit man sich nicht manipuliert fühlt. Gut gebrüllt, Weinstein Company.

/ crs

Kommentare Total: 2

andycolette

Tolle Geschichte sehr bewegend tolle Darsteller!! Tolle Rolle für Nicole Kidman und dev Patel süsser junge!!! Und Mega soundtack und schöne Bilder von Australien!!!

crs

Filmkritik: Gut gebrü(e)llt

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