Late Shift (2016)

Late Shift (2016)

  1. ,
  2. 90 Minuten

Filmkritik: Immer diese Entscheidungen!

NIFFF 2016
Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!
Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht! © Studio / Produzent

Der Mathematik-Student Matt (Joe Sowerbutts) jobbt nachts im Spätdienst als Wachmann einer Nobel-Autogarage in London, in der allerlei teure Schlitten auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten. Einen solchen Karren fährt auch die attraktive Blondine Helen (Emma Connell), die in Begleitung eines deutlich älteren Geschäftsherrn unterwegs ist, dem der Lamborghini offensichtlich gehört. Wenig später kehrt Helen zurück und bittet Matt um einen Gefallen: Sie möchte gerne die Schlüssel des Autos ausleihen. Matt steht vor einer Entscheidung: Soll er ihr die Schlüssel geben oder nicht?

Das wird allerdings noch eine der harmloseren Entscheidungen bleiben, die Matt im Verlaufe dieser Nacht treffen muss. Denn im Parkhaus schleicht auch noch eine dunkle Gestalt herum, wie Matt am Überwachungs-Monitor feststellt. Soll er sie ignorieren oder versuchen, die Person zu stellen? Schon wieder eine schwierige Entscheidung, die Matts Schicksal im Verlauf der weiteren Nacht bestimmen wird. Schon bald findet er sich nämlich inmitten einer undurchsichtigen Kunstraub-Geschichte wieder und trifft dabei auf die schöne May-Ling (Haruka Abe)...

Late Shift überzeugt als Event mehr denn als Film. Der von Games bekannte Ansatz, die Zuschauer am Geschehen teilhaben zu lassen, bietet eine interessante Kinoerfahrung. Da tut es auch nicht viel zur Sache, wenn die Geschichte naturgemäss ein wenig holprig daherkommt. Die Zukunft des Kinos ist Tobias Webers Film wohl nicht, denn letztendlich dürfte sich das Konzept wohl ein wenig erschöpfen, sobald es nicht mehr neu ist. Doch hier hat der Film den Vorteil, ein "First Mover" zu sein. Und als solcher bietet er ein kurzweiliges Kinoerlebnis und genügend Stoff für Diskussionen.

Ein Film wie Late Shift stellt auch einen Reviewer vor ganz neue Herausforderungen. Denn das Gimmick des Filmes von Tobias Weber besteht ja darin, dass der Zuschauer mittels Smartphone-App selbst die Entscheidungen des Protagonisten beeinflussen kann. Je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, entwickelt sich dessen Schicksal - und damit der Film - in eine unterschiedliche Richtung.

Wie also lässt sich ein solcher Film bewerten? Denn sieht man ihn nur einmal, hat man ja nur einen Bruchteil dessen mitgekriegt, was er eigentlich beinhaltet. Beginnen wir mit denjenigen Elementen, die unabhängig von dem Verlauf der Story bewertet werden können - den Schauspielerleistungen beispielsweise. Mit Joe Sowerbutts hat Weber einen idealen Sympathieträger gefunden. Der Engländer passt mit seinem Pfiffiger-Lausejunge-Charme perfekt in diese Rolle. Haruka Abe als Femme Fatale wirkt hingegen ein wenig arg klischiert. Überhaupt wirkt die Crime-Story ein wenig hölzern und aufgesetzt, wobei das natürlich auch ein wenig am Konzept liegt.

Denn deswegen schaut man sich den Film natürlich an. Womit wir wieder beim angesprochenen Gimmick wären. Late Shift preist sich als weltweite Innovation an. Erfahrene Gamer werden hier allerdings wohl nur mitleidig lächeln können. Schliesslich ist das Konzept schon von sogenannten Butterfly-Effect-Spielen wie Heavy Rain oder Until Dawn bekannt. Und nun soll dies also auf den Kinosaal übertragen werden.

Und darin liegt die erste Krux des Filmes: Schaut man ihn nämlich als Teil eines Publikums, wird man oft "überstimmt", da immer der Mehrheitsentscheid gewertet wird. Damit kann sich angesichts des geringen Einflusses, den man tatsächlich auf den Film hat, eine gewisse Frustration einstellen. Das Heimkino ohne nerviges Mitpublikum, das "falsche" Entscheidungen trifft, würde hier wohl mehr Freude machen. Dort kann man den Film auch mehrmals schauen. Denn ein weiterer Nachteil des Filmgenusses im Kino ist, dass man ihn eben nur einmal sieht - dabei ist es doch genau diese Spannung, wie sich eine Entscheidung wohl auf den Storyverlauf auswirkt, die einen Teil des Reizes ausmacht.

Und doch ist Late Shift ein interessantes Experiment - nicht nur für Mathematiker, die wohl ihre Freude daran haben, die Anzahl unterschiedlicher Storyverläufe auszurechnen. Denn der Film bietet Diskussionspotenzial auch auf der Meta-Ebene, sagt er doch auch etwas über die Psychologie der Zuschauer aus. Und gerade dies macht es eben doch interessant, ihn in einem grösseren Publikum zu schauen. Während einige Entscheidungen meist in die gleiche Richtung gehen dürften, werden einige andere Entscheidungen wohl etwas umstrittener sein - und nicht immer das erwartete Resultat liefern. In dieser Hinsicht schafft es der Film tatsächlich, die "vierte Wand" zu durchbrechen und die Fiktion mit der Realität zu untergraben. Und wie hättet ihr entschieden?

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd